Nerven liegen blank

- Es ist der Blick, der bedrohlich wirkt. Von wem er stammt, ist nicht klar. Vielleicht ist es sogar Gott selbst, der eine Familie erbarmungslos ins Visier nimmt, vielleicht ein Algerienfranzose, der sich am Vater für eine frühe Demütigung rächen will, vielleicht irgendjemand anderes. Dass die Ursache all des Ungemachs, das Georges und seine Familie ereilt, eigentlich egal ist, gehört zu den größten Leistungen von Michael Hanekes faszinierendem Psychothriller "Caché". Der Film beginnt mit einer minutenlangen Einstellung, auf der nur ein Hauseingang zu sehen ist. Doch der Schein trügt, man blickt eigentlich auf ein Bild, das sich bald als der unbarmherzige Blick einer Überwachungskamera entpuppt.

Ein großbürgerliches Pariser Intellektuellenpaar - er, gespielt von Daniel Auteuil, ist TV-Moderator, sie, gespielt von Juliette Binoche, Verlegerin - erhält anonyme Botschaften: Videobänder, die zeigen, dass beide von irgendwem überwacht werden; Bilder, die wie Kinderzeichnungen aussehen und gewalttätige Inhalte haben. Mit seismographischer Konsequenz registriert Haneke die wachsende Hysterie zwischen den Familienangehörigen, das Zerrinnen des Sicherheitsgefühls - bis die Nerven blank liegen. Es ist klar: Erst kommt die Sicherheit, dann die Freiheit.

Vor dem Bürgerkrieg

Jenseits ständiger Irritationen der Zuschauer und der daraus folgenden Frage nach der Wahrheit in den Bildern ist "Caché" doppelbödig: "Versteckt" ist nämlich nicht nur die Überwachungskamera des Absenders, der die Familie belauert. Versteckt sind auch die Geheimnisse der Familie, die nun aus der Dunkelheit des Vergessens hervorgezerrt werden. So geht es um den Umgang mit der Vergangenheit, gut freudianisch (und wienerisch) um die Wiederkehr des Verdrängten. Hanekes moralischer Thriller dreht sich um das Schuldgefühl, das auch entsteht, wenn man nicht schuldig ist, um die Rückkehr der Repression in die Gesellschaften des Westens und um den Umgang mit schwierigen Erinnerungen.

Vor Jahren schrieb Hans Magnus Enzensberger einen apokalyptischen Text unter dem Titel "Aussichten auf den Bürgerkrieg". In den Gesellschaften des Westens habe der "molekulare Bürgerkrieg" schon längst begonnen. Dass auch Haneke ein Apokalyptiker ist, sollte spätestens seit "Wolfzeit" klar sein. Entsprechend zeigt er in seinem neuen Film wieder eine irrationale Bedrohung, einen Atavismus inmitten der Zivilisation. Er inszeniert Situationen, in denen einem das Lachen vergeht, beispielsweise ein Streit Georges' mit einem Radfahrer, der bis an die Grenze einer Schlägerei eskaliert, weil derjenige, der im Unrecht ist, mit Bedrohung antwortet. Eine Situation, wie sie vielen vertraut sein dürfte. In Hanekes Film dominiert ein zutiefst bürgerlicher Blick, geprägt von der Betrachtungsweise der oberen Mittelklasse des Westens - und ihrer Kultur der Angst. Universal wird "Caché´" dort, wo er zeigt, was am Ende bleibt: Furcht und Eigennutz. Trost spendet Georges nur der Schlaf. Ein aufregender Film, dessen Regisseur dem Zuschauer alle leichten Auswege verbaut. (In München: Leopold, City, Theatiner.)

"Caché"

mit Daniel Auteuil, Juliette Binoche

Regie: Michael Haneke

Hervorragend

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