Aus der Nervensäge wurde eine Heilige

- Wie jede Heilige hatte es Veronica Guerin schwer. Vielen galt die Journalistin, die in ihren Artikeln die Machenschaften der irischen Mafia aufdeckte, als profilierungssüchtige Nervensäge. Erst als sie 1996 ermordet wurde, stieg sie im Ansehen ihrer Landsleute zu einer Ikone auf, die den Kampf gegen die Macht der Verbrechersyndikate verkörperte. Und natürlich wurde ihr Leben und Sterben auch für Hollywood interessant.

<P>Die Geschichte klingt wie erfunden, ist aber wahr: Eine junge Mutter schreibt aus Wut über das Elend, das die Drogen über ihre Heimatstadt Dublin bringen, in einer viel gelesenen Kolumne rücksichtslos gegen die Gangsterbosse an. Irgendwann werden die Herren nervös, denn bislang wurden sie als schillernde Outlaws, die der Obrigkeit auf der Nase herumtanzen, von der irischen Gesellschaft respektiert. Drogenhandel passt freilich nicht in das Bild der selbst ernannten Robin Hoods, und so wird die lästige Querulantin liquidiert.<BR><BR>Joel Schumacher ist der Versuchung widerstanden, eine oberflächliche Heldensaga aus seiner Filmbiografie zu machen. Bewusst nüchtern inszeniert zeigt er den Kampf der Veronica Guerin als Konsequenz eines keltischen Dickschädels. Mit der Australierin Cate Blanchett hat Schumacher eine ideale Darstellerin gefunden, die sein Konzept der differenzierten Annäherung an eine seltsame Heilige umzusetzen weiß. Blanchett leuchtet sozusagen von innen, und so nimmt man ihr diese irrationale Leidenschaft ab, mit der Guerin so merkwürdig leichtsinnig ihr Leben aufs Spiel setzte. </P><P>Sie verklärt ihre Figur nicht und offenbart einfühlsam die vielen Widersprüche dieser Frau. Auch sie war eine Außenseiterin, die störrisch ihren eigenen Weg ging. Weil Schumacher das so unglamourös verfilmt hat und Blanchett so uneitel spielt, wirkt es umso berührender, wenn am Ende alle betroffen am Sarg einer Unbequemen stehen und im Nachspann lakonisch darüber informiert wird, dass erst der Mord an Guerin die Justiz dazu veranlasst hat, entschieden gegen die Mafia vorzugehen. In diesen Minuten ist die "Journalistin" großes Gefühlskino.<BR><BR>Ein ungewöhnlicher Film, der es den Zuschauern nicht leicht macht und dazu zwingt eine Position zum Gezeigten einzunehmen - ganz so, wie es Veronica Guerin wohl gefallen hätte. <BR><BR>(In München: Mathäser, Maxx, Leopold, Cinema und Museum i. O.)<BR><BR>"Die Journalistin"<BR>mit Cate Blanchett<BR>Regie: Joel Schumacher <BR>Sehenswert </P>

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