Neuer Harry-Potter-Film: Ohne die Schrullen der magischen Welt

München - Stirbt er oder nicht? Während sich der Potterbegeisterte Teil der Menschheit zur Zeit mit der Frage nach Harry Potters Schicksal im letzten Buch beschäftigt, startet in Deutschland, strategisch clever, die Verfilmung des fünften Bandes "Harry Potter und der Orden des Phönix".

Es ist die bislang finsterste und hoffnungsloseste Geschichte von allen, mit der Autorin Joanne K. Rowling 2003 die Kategorie Kinderbuch endgültig verlassen hat. Das gilt auch für die Sparte Kinderfilm: Harry, das verwaiste Zaubergenie, ist nach langem Vorgeplänkel endgültig in der Pubertät angekommen und zieht sich mit umwölkter Stirn in rechthaberische Einzelgängerei zurück. Harry gibt sich als launenhafte Diva, argwöhnt stets Neid und Ungemach, auch in der zarten ersten Liebe zur Klassenkameradin Choo läuft nicht viel.

Doch Rowling lässt es im Buch und Regisseur David Yates demnach auch im Film noch schlimmer kommen. Der Regisseur und sein Drehbuchautor Michael Goldberg haben den tausend Seiten starken Band auf gut zwei Stunden Film gestutzt. Dass gekürzt werden musste, versteht sich. Und Goldberg hat sein Handwerk recht gut erledigt und gerade das im Buch arg geschwätzige Ende angenehm gestrafft und verdichtet. Doch was ihm beim Zweikampf Harry gegen Lord Voldemort erfolgreich geglückt ist, misslang andernorts: Manche Streichungen waren so energisch, dass etwa Figuren wie der bösartige Hauself überflüssig werden. Nur wer die Vorlage kennt, weiß, was diesen umtreibt. Auch Rons Triumphe beim Quidditch und seine Emanzipationsbestrebungen gegenüber den Zwillingsbrüdern oder Hermines Kampf für die Rechte der Elfen hätten die actiondominierte Filmhandlung nicht wirklich vorangetrieben. Doch gerade diese Aspekte vermittelten im Buch jenen eigenwilligen Charme, der alle "Harry Potter" auszeichnet.

Yates Verfilmung ist ein spannender Internats- und Actionfilm. Die Schrullen der magischen Welt hat die Regie leider nicht der Vorlage gemäß eingefangen. Im Zentrum der Inszenierung steht Harrys Reifen vom unverstandenen Jugendlichen zum jungen Mann mit Verantwortung. Dafür muss der Zuschauer einige Ungereimtheiten des Drehbuchs hinnehmen - wird aber auch entschädigt: mit prachtvollen Aufnahmen, Massen- und Großraumszenen von beeindruckender Symmetrie, irrwitzigen Kamerafahrten, sehr gelungenen Computeranimationen, furiosen Trickeffekten und einem bis in die kleinste Nebenrolle herrlich stimmig besetzten Darstellerensemble. In dem brillieren Alan Rickman, der seiner Figur des Snape endlich mehr Facetten verleihen darf als den schmierigen Intriganten, und Imelda Staunton als Schul-Inquisitorin Dolores Umbridge. Stauntons hinreißend hintergründiges Spiel sorgt dafür, dass kein Zuschauer jemals wieder Spitzendeckchen und die Farbe Rosa mit den Adjektiven sanft und liebenswürdig assoziieren wird. (Mathäser, Maxx, Royal, Münchner Freiheit, Leopold, Cadillac, Rio, Rex, Autokino, Filmtheater Sendlinger Tor, Cincinnati, Forum, Gabriel, Kino Solln, Museumslichtspiele OV, Cinema OV.)

"Harry Potter und der Orden des Phönix"

mit Daniel Radcliffe, Rupert Grint, Emma Watson, Ralph Fiennes

Regie: David Yates

Sehenswert

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