13 Jahre warteten die deutschsprachigen Leser auf die Übersetzung des Romans „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace.

Neuerscheinung: Ja, deshalb brauchen wir Literatur

Jede Erfahrung, jede Erkenntnis ist radikal subjektiv – das ist eines der Themen von „Infinite Jest“. Darum als Versuch, dieses unbeschreibliche Buch zu beschreiben, das jetzt als „Unendlicher Spaß“ auf Deutsch erschienen ist, hier die persönliche Geschichte einer Begegnung.

1997 in einem Buchladen in Venice Beach, Los Angeles, diesen Klotz mit dem seltsamen Titel (später gelernt: ein „Hamlet“-Zitat) entdeckt. Keine Ahnung, wer David Foster Wallace war, oder worum’s darin ging. Aber es klang spannend, lag wunderbar schmökermäßig in der Hand, und es war dieses Gefühl: Das musst du haben.

David Foster Wallace: „Unendlicher Spaß“

Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1547 Seiten; 39,90 Euro.

Nein, es folgte keine sofortige Epiphanie. Aber ich sehe heute die Welt anders, weil ich damals wirklich zugegriffen habe. Über Monate habe ich mich durch den Textberg vorwärtsgeknabbert. Manchmal auch längere Pausen eingelegt, wenn mir die obsessive Genauigkeit der Beschreibungen zu viel wurde.

Aber immer wieder zurückgekehrt: Weil von der ersten Seite an diese Sprache süchtig machte, dieser zugleich natürliche und dennoch künstliche Fluss und unverwechselbar-witzige Rhythmus, die verblüffenden Bilder, das unerschöpfliche Schatzkästlein voller vom Aussterben bedrohter Worte.

Und die ungeheure Großzügigkeit, der Reichtum dieses Romans an Geschichten, Figuren, Stimmen! (plus: Fußnoten!) Diese einzigartige Welt, zugleich so verrückt und so real (später gelernt: oft autobiografisch). Das Amerika, das seine Jahre an Sponsoren verkauft, einen paranoiden Ex-Schnulzensänger zum Präsidenten hat und ganze Bundesstaaten zu Mülldeponien macht und sie an Kanada abschiebt. Die Bostoner Tennisakademie und das Entziehungsheim der Anonymen Alkoholiker. Die Familie Incandenza, Don Gatley, das schöne Mädchen mit dem Schleier, die Québecer Rollstuhl-Terroristen, der US-Agent in Frauenkleidern, und, und, und. Und: Der titelgebende Experimentalfilm, der so unterhaltsam ist, dass man darüber stirbt. Dabei immer das Gefühl: Wow, das können Romane!? Ja, deshalb brauchen wir Literatur! Weil nichts anderes uns die Welt auf so eine Art begreifen lässt. Auch wenn ich damals nicht ausbuchstabieren hätte können, was ich da gerade kapiere.

Dann David Foster Wallaces Essays entdeckt, seine Kurzprosa, den ganzen Rest. Und immer mehr verstanden. DFW (er liebte Abkürzungen) ist die Leitfigur einer Generation von US-Literaten, die die Lehren der Postmoderne ernst nimmt, aber dennoch wieder erzählen will. Ja, alles ist subjektiv, Autoritäten sind nur gemacht und kein Text ein monolithisch abdichtbares Sinngebäude. Aber wo sich die Generation Pynchon darob in Dekonstruktion und Ironie flüchtete, ringt DFW darum, das Subjektive, Bedingte ernst zu nehmen und den Schmerz und den Reichtum im Kopf mitzuteilen: Sein Meisterwerk beginnt gleich mit einem verzweifelten Kommunikationsversuch. Jeder Mensch ist eine Insel – und unsere einzige Hoffnung liegt im Brückenbau.

Dieses Buch ist einer dieser literarischen Lebensbegleiter, den man immer wieder und immer neu liest. Mit der Zeit sieht man mehr und klarer: Es geht um Abhängigkeiten jeder Art, die Infantilität unserer Kultur und darum, wie man als moderner Mensch noch und doch Hingabe an ein Höheres rechtfertigt, statt das Selbst zum Maß aller Dinge zu machen. Und – irgendwie ist’s auch ein Familienroman – um die Last der vorangegangenen Generation. Je mehr sich „Unendlicher Spaß“ seiner stillen Apokalypse entgegenschleicht, je mehr werden die Figuren von ihrer Vergangenheit eingeholt.

Das Tragischste an der 13-jährigen Verspätung, mit der deutschsprachige Leser nun diese Bekanntschaft machen dürfen: Es lässt sich nicht mehr ohne Wissen um DFWs Freitod vergangenen September lesen. Nun drängen sich all die beschädigten, depressiven, suizidalen Charaktere anders in den Vordergrund, Kunst droht Symptom zu werden. Aber nicht das Ende des Kampfs sollte zählen. Sondern der zutiefst mutige, menschliche, überbordende, hinreißende, beklemmende Triumph des Kommunizierens, den er hier noch errungen hat.

von Thomas Willmann

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