Nichts für von Trier

- Cannes - Lars von Trier hatte vielleicht schon vorher von der Jury-Entscheidung Wind bekommen und war zur Abschlusszeremonie des Filmfestivals in Cannes gar nicht mehr angetreten. Dass der Provokateur aus Dänemark mit "Dogville" und Nicole Kidman die Rückfahrt im Wohnmobil ganz ohne einen Preis antreten muss, ist die größte Überraschung nach einem Wettbewerb mit nur wenigen echten Highlights.

<P>Mit der Goldenen Palme für "Elephant" von Gus Van Sant und dem Großen Preis für das Einsamkeitsdrama "Uzak" aus der Türkei hat die Jury unter der Leitung des Regisseurs Patrice Chreau Filme geehrt, die sich ernsthaft für Menschen interessieren - und weniger wie von Trier die strenge Ausführung eines künstlerischen Konzepts verfolgen.<BR><BR>Dennoch ist "Elephant" als zurückhaltende Beobachtung einer Stimmung, in der sich jugendliche Außenseiter zu Killern entwickeln, stilistisch konsequent. Der 50-jährige Gus Van Sant, der zuvor schon mit anderen Jugendgeschichten wie "My Own Private Idaho" oder "Good Will Hunting" überzeugen konnte, nahm auch den Preis für die beste Regie entgegen.<BR><BR>"Elephant" versucht ganz unspektakulär, die Bedingungen zu untersuchen, die zu Gewalt und einem Massaker an einer amerikanischen High School führen können. Da gibt es zickige Mädchen, überhebliche Jungen, die späteren Täter sind sensibel. Sie spielen Klavier, aber auch Killer-Spiele am PC, bestellen sich Waffen im Internet und schauen Hitler-Videos. Der Film ist in einem realistischen Stil mit Laien-Darstellern gedreht, die auch viele ihrer Dialoge selbst geschieben haben. Gus Van Sant sagte über seinen Wettbewerbsbeitrag: Er habe nichts erklären wollen. "Es ist schon etwas abstrakt. Es ist schon eher ein Gedicht über das Leben dieser High-School-Kids."<BR><BR>Der Franko-Kanadier Denys Arcand freute sich über den Drehbuchund Darstellerinnenpreis für seinen Film "Les invasions barbares" (Die barbarischen Invasionen), in dem vor allem die geschliffenen und gesellschaftskritischen Dialoge überzeugten. Arcands Werk war auch der einzige Film in französischer Sprache, der in Cannes richtig überzeugen konnte. Die Produktionen aus Frankreich, außer "Swimming Pool" von Francois Ozon", enttäuschten auf breiter Front.<BR><BR>Insgesamt stand der 56. Jahrgang des Festivals unter keinem guten Stern. Verglichen mit dem interessanten Wettbewerb des Vorjahres kam die Konkurrenz nur langsam in Fahrt. Frühere Palmen-Gewinner wie Quentin Tarantino oder Joel und Ethan Coen aus den USA hatten ihre neuesten Werke kurz vor Bekanntgabe der offiziellen Auswahl zurückgezogen. Zur Begründung hieß es, sie seien noch nicht fertig. Während des Festivals warf das amerikanische Fachblatt "Variety" aber einen anderen Blick auf die Absagen.<BR><BR>"Die sind nicht fertig, weil keiner fertig sein will", enthüllte der mächtige Boss des US-Studios Miramax, Harvey Weinstein ("The Hours"), in einem langen "Variety"-Bericht. Er warf Cannes unter anderem ein unklares programmatisches Profil, "überwaltigenden Druck" auf die Teilnehmer und "Scheinheiligkeit" vor. Voll des Lobes war Weinstein dagegen für die Festivals in Venedig und Berlin. "Berlin ist stark, weil Cannes so schwach war", freute sich auch die deutsche Staatsministerin für Kultur, Christina Weiss, während ihres Besuches an der Cote d/Azur. </P>

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