Nur noch Schemen und Fratzen

- Wenn es jemals einen Ort gab, der mit "Hölle auf Erden" treffend bezeichnet werden konnte, war es wohl der "Pfarrerblock" des Konzentrationslagers Dachau. Ein Ort, an dem Priester gefoltert und gekreuzigt wurden, an dem das Gebet mit dem Tod bestraft wurde und an dem jeder nur noch sich selbst der Nächste war. Und eben da vegetiert der Luxemburger Geistliche Henri Kremer (Ulrich Matthes) mit seinen Glaubensbrüdern.

<P>Unter einem Vorwand wird der fassungslose Abbé entlassen. Für neun Tage. Angeblich, um an der Beerdigung seiner Mutter teilnehmen zu können. Tatsächlich, um für die Gestapo als Erfüllungsgehilfe zu fungieren. Untersturmbannführer Gebhardt (August Diehl), ein junger NS-Karrierist und ehemaliger Theologie-Doktorand, verwickelt den Pfarrer in ein Tage andauerndes Rededuell. Der zynische Gebhardt will sein Gegenüber instrumentalisieren, um gegen den rebellischen Luxemburger Bischof vorgehen zu können. Mit einer Mischung aus Drohungen, Verlockungen und theologischen Sophistereien versucht Gebhardt, Kremer zum Verräter zu machen.</P><P>Volker Schlöndorffs tief bewegender Film "Der neunte Tag" nähert sich dem Thema "Drittes Reich" auf ganz andere Weise als zum Beispiel Bernd Eichingers auf die schiefe Bahn geratene Erklärung der "Banalität des Bösen" in "Der Untergang". Schlöndorffs Kammerspiel basiert auf dem publizierten Tagebuch des luxemburgischen Priesters Jean Bernard. Die unprätentiöse Genauigkeit, mit der Bernard die Grausamkeit des Lagers beschreibt, ist die besondere Stärke des Textes. Schlöndorff hat sich in seinem Regiestil dieser nüchternen, fast schon gefühlsarmen Autobiografie angepasst. Sein grandios gespieltes Entscheidungsdrama beginnt mit einer zwölf Minuten währenden Szene in Dachau. An die Verfilmung des Albtraumes KZ hat sich bislang noch kein deutscher Regisseur gewagt. Und in ihrer Drastik übertreffen Volker Schlöndorffs Bilder thematisch ähnliche Filme wie "Schindlers Liste" oder "Das Leben ist schön" um Längen. Mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten wird der Film in das fiebrig vibrierende Licht eines nicht enden wollenden Höllentrips getaucht, in dem es keine Menschen mehr gibt, sondern nur noch Schemen und Fratzen.</P><P>Seit seinem ersten Erfolg "Der junge Törless" beschäftigt sich Schlöndorff in allen Filmen mit Variationen eines Themas: Egal ob "Die Blechtrommel" oder "Die Stille nach dem Schuss": Stets geht es um den Kampf des Einzelnen, der auch unter größtem Druck aufrecht bleiben will. Heraus kam diesmal eine sehr moderne Revision von Rolf Hochhuths "Stellvertreter". Der Mensch als Individuum kann sich niemals erfolgreich hinter einer Institution wie der Kirche oder dem Staat verstecken. Der Einzelne ist ganz allein für sich verantwortlich. Niemand steht ihm bei, niemand wird ihn erlösen, wenn nicht er selbst.(In München: ABC, City.)</P><P>"Der neunte Tag"<BR>mit Ulrich Matthes, August Diehl<BR>Regie: Volker Schlöndorff<BR>Hervorragend</P>

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