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Franz Xaver Kroetz: „Von dem Schmarrn infiziert.“

Franz Xaver Kroetz

Ohne mich können die nicht

Dramatiker, Regisseur, Schauspieler: Franz Xaver Kroetz über den Brandner Kaspar, das Volkstheater und den Tod

Ob als Stückeschreiber, Schauspieler oder Regisseur und auch sonst: Franz Xaver Kroetz (62) ist ein großes Kaliber. Liebenswert, charmant, wild und ungeheuer streitbar. Vor gut drei Jahrzehnten beim gutbürgerlichen Publikum noch Anlass für manch pseudomoralische Protest-Erregung, ist er heute die Idealbesetzung im Weichspül-Kintopp Joseph Vilsmaiers. Franz Xaver Kroetz spielt die Titelfigur in der Verfilmung der „Geschichte vom Brandner Kaspar“, die ab kommendem Donnerstag zu sehen ist.

-Schriftsteller, Regisseur, Schauspieler – im Moment werden Sie als Schauspieler gefeiert. Fühlen Sie sich als Volksschauspieler?

Nein. Und von gefeiert merke ich noch nichts, ehrlich gesagt. Ich würde mich gern als Volksschauspieler fühlen, aber ich wüsste nicht, warum.

-Auch nicht vom Metier her?

Das ist halt schwierig, weil das ein Spagat ist, der einen fast umbringt. Wenn Sie vom neuen Volkstheater, also von Fassbinder, Sperr, Kroetz, zum „Verkauften Großvater“ und dem „Brandner Kaspar“ gelangen, inklusive noch ein bisschen „Der Bauer als Millionär“ – da liegen Lichtjahre zwischen diesen Formen von Volkstheater. Ich versuche immer, für beides zu stehen, eisern, es ist aber sehr, sehr schwer. Es zermürbt mich mehr und mehr. Das kriegt man einfach nicht zusammen.

- „Tänzerinnen + Drücker“ – ein Stück Volkstheater von Ihnen der ganz anderen Art im Münchner Marstall . . .

. . . war ein absoluter Flop. Dieses durchgefallene, radikal von niemandem nachgespielte, am Marstall in zehn oder zwölf Vorstellungen immer nur halb voll gewesene Stück – das kennen keine 500 Münchner. Also ich fühle mich nicht mehr als Volkstheatermensch. Vor allem aber möchte ich jetzt nicht in das zahnlose Volkstheater von Kurt Wilhelm und Co. geraten. Ich bin stolz, dass meine letzten Stücke so schrecklich bös und furchtbar waren wie „Tänzerinnen + Drücker“. Das war mein Abschluss sozusagen. Doch mache ich jetzt nicht hinüber in die süßliche, kitschige, nette Volkstheaterschauspielerei. Das tu’ ich auf gar keinen Fall.

-Den Brandner Kaspar hätten Sie ja durchaus auf der Bühne spielen können. Als Christian Stückls Volkstheater seine Neuinszenierung ankündigte, haben alle zuerst an Sie gedacht. Nie gefragt worden?

Nein.

-Und nie Lust gehabt, den Brandner Kaspar auf der Bühne zu spielen?

Nein, weil das Stück so schlecht ist. Ich kann da aus meinem Herzen keine Mördergrube machen. Ich habe 1973 oder ’74 – da war ich ein junger, wilder Mann – mir ein paar Sachen im Residenztheater angeschaut, weil Ruth Drexel und Hans Brenner wollten, dass ich in meinem Stück „Lieber Fritz“ den Fritz spielen sollte. Da bin ich auch in einer Aufführung von diesem „Brandner“ gesessen. Ich war einfach fassungslos über diesen kitschigen Schmarrn. Gut, es war eine andere, eine kämpferische, eine politische Zeit. Also, ich kann jetzt meine eigene Biografie nicht durchstreichen. Das Stück von Kurt Wilhelm gehört nicht zu meinen Lieblingen.

-Wenn man als Autor und Regisseur schauspielert, können Sie dabei ganz absehen von Ihren anderen Professionen?

Ja, das kann ich schon, weil ich vom Film nichts verstehe. Da bin ich ein absoluter Dilettant. Beim „Brandner“ war das insofern anders, als ich da ein bisschen mitschreiben durfte an meiner Figur. Es ist ja nicht die Verfilmung des Theaterstücks, es ist uns da – ob nun gut oder schlecht – schon ein bisserl was anderes gelungen.

- Haben Sie persönlich denn etwas von diesem anarchischen Wilderertum des Brandner Kaspar in sich?

Ich besitze bei Augsburg eine Jagdhütte, die hab’ ich 1971 gekauft, aber nicht für die Jagd, sondern fürs Schreiben. Und ich hab’ niemals einen Jagdschein oder so was gemacht. Ich hab’ auf dieser Hütte, die mir noch immer gehört, nur geschrieben. Also mein Maschinengewehr war die Schreibmaschine.

-Aber wenn Sie ein Wilderer wie der Brandner Kaspar wären, welchen Bock würden Sie denn gerne schießen?

Ich muss es ehrlich sagen: Ich habe an dieser Hütte auch einen kleinen Wald. Und dieser Wald ist durch den Borkenkäfer und den Rehverbiss praktisch schon auf Null gebracht. Ich will heuer neu aufforsten. Also ich würde gerne ungefähr ein Drittel unseres Rotwildbestandes wegschießen, weil einfach der Wald nicht mehr hochkommt.

-Zurück zum „Brandner Kaspar“. So schlicht die Geschichte auch sein mag, führt sie einen über das Lachen hinaus doch auch an die elementaren Fragen, an Tod und Leben.

Ja, das stimmt. Das ist sonderbar. Ich bin ja, alle wissen’s, ein Hypochonder. Seit ich diese Woche mit Bronchitis schwer krank darniederliege, denke ich wie immer, dass ich sterbe, irgendwann, bald. Mein Vater wurde 63, ich bin 62. Hemingway hat sich mit 62 erschossen, er war mein großes Vorbild. Nur, ich hab’ jetzt kein Jagdgewehr. Also es ist irgendwie schwierig. Aber seit ich diesen Film gemacht habe, seit ich als Brandner mit dem Boanlkramer gesoffen und gekartelt habe, dachte ich letzte Woche auf meinem Krankenlager: Vielleicht ist der Tod doch nicht so schlimm. Sie sehen, ich bin schon fast infiziert von dem Schmarrn.

-Wenn es denn so wäre, dass der Tod einen tatsächlich persönlich holen würde: Womit würden Sie versuchen, ihn zu überlisten? Auch mit Kirschgeist?

Ich würde ihm meine Verhältnisse schildern. Und sagen, ich hab’ insgesamt fünf Kinder, drei sind noch in der Ausbildung, ich brauch’ mindestens noch zehn Jahre. Und das kannst du doch verstehen, du bist ja doch dauernd mit Leben und Tod beschäftigt, würd’ ich sagen. Mein Jüngster ist 13, und ich muss unbedingt noch zehn Jahre Vater sein, weil: Ohne mich können die nicht. Ja, so würde ich’s versuchen; auf mein Vatersein hinweisen.

-Also müssen Sie Geld verdienen. Was werden Sie als nächstes machen?

Ich inszeniere im Januar beim Theaterfestival von Lüttich und in Zusammenarbeit mit dem Theater Brüssel das Stück „Negerin“. Das ist der allererste Kroetz, den es überhaupt gibt. Ein Dreipersonenstück. Ungefähr 1966/’67 entstanden. Das ist so etwas ganz anderes. Das ist der brutalste Kroetz, den es gibt.

Das Gespräch führte Sabine Dultz

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