Ohne Radau und Geigengezirpe

- Einen "Glücksfall für Berlin" nannte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit den Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Vorschusslorbeeren gab es nicht nur aus Politikerkreisen lange vor dem Start der Berliner Filmfestspiele 2004. Allmählich nähern sich die Vorführungen und Events dem Ende, und es ist Zeit, die Auswahl des Wettbewerbs einer Prüfung zu unterziehen. Die Beiträge zeichneten sich in diesem Jahr nahezu alle durch eine hohe Qualität aus. Ausreißer, die bei Kritikern wie Publikum niedergebuht wurden, gab es bislang nicht. Andererseits war der eine, überwältigende, alle anderen Produktionen überstrahlende Film auch noch nicht zu sehen.

<P>Was man in den vergangenen Tagen in den Kinos rund um den Potsdamer Platz begutachten konnte, war vor allem eines: solides Handwerk. Manchmal auch ein bisschen mehr. Vielleicht hat der inzwischen in den Kinos angelaufene spirituelle Western "The Missing" von Ron Howard gute Chancen auf einen Bären. Cate Blanchett hätte ihn für ihre Darstellung der verhärmten Farmerin verdient. Oder sollte die silberne Trophäe für die beste Darstellerleistung doch besser an Sandrine Bonnaire gehen, für ihr so kunstvoll reduziertes Spiel in "Confidences trop intimes" von Patrice Leconte? Der französische Regisseur stellt in seinen Filmen stets neue Varianten vor, wie die wahre Liebe aussehen könnte. Viele seiner Arbeiten wirken daher wie Etüden zu ein und demselben Thema - dem tiefen Gefühl, dem niemand trauen kann. So auch dieser: Anna (Bonnaire) sucht einen Psychiater auf, um ihre Eheprobleme zu schildern. Sie irrt sich in der Tür und landet bei William (Fabrice Luchini, der den Preis als bester männlicher Darsteller einfach bekommen muss!), einem Anwalt für Steuerrecht. Der hört sich ihre Geschichten Woche für Woche an, mit steigendem Interesse. Nur wenige Filme des diesjährigen Wettbewerbs besitzen einen vergleichbaren Charme und eine ähnlich elegante Leichtigkeit, das schwerste aller Themen zu behandeln. </P><P>Solides Handwerk</P><P>Ähnlich introvertiert ist ein anderer heißer Kandidat für den Goldenen Bären, der Dogma-Gefängnisfilm "Forbrydelser". Annette K. Olesons verzichtet wie Leconte auf große Gesten - und überzeugt im Kleinen, ganz ohne Radau, Theatralik oder Geigengezirpe. Im Augenblick scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu existieren, dass in Skandinavien keine schlechten oder auch nur mittelmäßigen Filme gedreht werden. "Om Ja Vänder Mig Om" von Björn Runge ist ein weiteres Beispiel dafür. Die Bilder aus einem Operationssaal sind eine Einstimmung auf die Schlachten, die dann kommen. Hinter gutbürgerlichen Fassaden, am Esstisch und auf der Couchgarnitur kämpfen vier Menschen um und gegen einander. Doch die Herztransplantation zu Beginn zeigt, dass hinter der Brutalität des chirurgischen Eingriffs im Idealfall ein neues, besseres Leben steht. </P><P>Bestechend in seiner Prägnanz ist auch Cédric Kahns "Feux Rouges". Antoine (Jean-Pierre Darroussin) ist ein Verlierer, wie er im Buche steht. Seine eisblockige Frau Hé´lene (Carole Bouquet) hat ihn fest unterm Pantoffel. Die gemeinsame Autofahrt wird zum finalen Ritt in die Ehehölle. Sollte Kahn den Goldenen Bären kassieren dürfen, was ihm dieses exzellenten Films wegen zu wünschen wäre, hatte sicherlich die Lobby des Öffentlichen Personennahverkehrs ihre Finger mit im Spiel: Wer sich nach dem Film noch ans Steuer setzen will, muss Selbstmordabsichten hegen. 106 Minuten hängt die Kamera an einem aggressiven Raser. Wie sanft erscheint da anschließend das sonst so nervtötende Rütteln einer S-Bahn!</P>

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