Ohnmächtige Liebe

- Ein Zivildienstleistender und eine geistig Behinderte verlieben sich ineinander. Das hätte ein scheußlich rührseliges Drama mit sozialpädagogischem Hintergrund werden können. Ging aber glücklicherweise gut: "Komm, wir träumen" ist ein ernsthafter und ernst zu nehmender Spielfilm über ungewöhnliche Menschen und deren ganz normales Gefühlschaos. Regisseur Leo Hiemer, der sich mit leisen Filmen wie "Daheim sterben die Leut'" und "Leni" weit über die Grenzen des heimatlichen Allgäus hinaus einen Namen gemacht hat, geht das heikle Sujet mit der gebotenen Authentizität an. Denn die Liebesgeschichte zwischen dem Zivi Eckart (Julian Hackenberg) und der manischen, jähzornigen Ulrike (Anna Brüggemann) ist bis auf die beiden Haupt- und wenige Nebenrollen mit den tatsächlich in einer Behindertenwerkstatt arbeitenden Menschen besetzt. Das verleiht dem Film eine ganz ungewohnte Glaubwürdigkeit.

Die Geschichte rund um das nicht alltägliche Paar hat Hiemer ganz ungeschönt umgesetzt. Kostüme, Maske oder ausgetüftelte Beleuchtung gibt es nicht. Der Titel "Komm, wir träumen" steht im Gegensatz zur sachlichen Inszenierung: Eckart und Ulrike dürfen von ihrer Beziehung nur träumen - als zu empört und unverständig erweist sich ihre Umgebung. Zurückhaltend, fast spröde gibt sich dieser dennoch so gefühlvolle Film, der eine Menge unbequemer Fragen zurücklässt. Wer bestimmt, was normal ist? Wer steckt die ethischen Grenzen fest, nach denen wir leben? So allmächtig wie im Hollywoodfilm, lehrt Hiemers Drama, ist Liebe selten. Und alle Hindernisse überwindet sie in der Wirklichkeit auch nicht, sondern nur im Traum.

(In München: Rio).

Komm, wir träumen!

mit Julian Hackenberg, Anna Brüggemann

Regie: Leo Hiemer

Sehenswert

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Vorwurf von Tierquälerei - Film-Premiere abgesagt
Los Angeles - Nach einem Tierquälerei-Skandal sind die Premiere und Pressetermine zu dem Hundefilm „Bailey - Ein Freund fürs Leben“ kurzfristig abgesagt worden.
Vorwurf von Tierquälerei - Film-Premiere abgesagt
Filmkritik zu „Personal Shopper“: In der totalen Einsamkeit
München - Olivier Assayas „Personal Shopper“ lebt von dem Talent seiner Hauptdarstellerin und driftet nicht in eine Grusel-Persiflage ab.
Filmkritik zu „Personal Shopper“: In der totalen Einsamkeit
Filmkritik zu „Verborgene Schönheit“: Zu viel Pathos
München - David Frankels Drama „ Verborgene Schönheit“ setzt zu sehr auf Symbolik und ein allzu schöngefärbtes Happy End.
Filmkritik zu „Verborgene Schönheit“: Zu viel Pathos
Der schweigsame Onkel: Filmkritik zu „Manchester by the Sea“
München - „Manchester by the Sea“ trumpft vor allem im zwischenmenschlichen Bereich auf. Es geht um Verantwortung und Familie.
Der schweigsame Onkel: Filmkritik zu „Manchester by the Sea“

Kommentare