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Oliver Berben zeigte den Film tz-Kolumnistin Ulrike Schmidt persönlich im Constantin-Kino und erzählte alles darüber.

Verfilmung des Bestsellers

Oliver Berben zeigt der tz seine "Schoßgebete"

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München - Oliver Berben hat sich der Hauptfigur aus der Roman-Verfilmung "Schoßgebete" mit großem Feinsinn angenommen. Der Drehbuchautor zeigte der tz den Film.

Es ist das Psychogramm einer schwer traumatisierten Frau und wie sie der Sex, die Therapie und ihre Familie am Leben halten: die Bestseller-Verfilmung Schoßgebete – nach dem ­Roman von Charlotte Roche ­(36), der in wesentlichen Teilen autobiografisch ist. Die gebürtige Britin mit Wohnsitz in Deutschland hat, wie ihre Romanfigur, am Tag ihrer geplanten Hochzeit ihre drei Brüder durch einen Horrorunfall verloren. Zusammen mit der Mutter wollten sie das Brautkleid, das in keinen Koffer passte, im Auto transportieren – die Mutter überlebte schwer verletzt. Seitdem will zumindest die Roman- und Filmfigur nie mehr die Kontrolle über Leben und Tod verlieren – und setzt dem Perfektionismuszwang die Lust entgegen. Drehbuchautor Oliver Berben und Regisseur Sönke Wortmann haben sich der Figur mit großem Feinsinn angenommen.

Zusammen mit ­Oliver Berben hat sich tz-Kolumnistin Ulrike Schmidt Schoßgebete vor dem Filmstart angeschaut, und Berben erzählte die ganze Geschichte.

Die Romanvorlage lieferte eine Frau, für Drehbuch und Regie sind Männer verantwortlich – trotzdem wird aus überraschend weiblicher Perspektive erzählt und harte Männerfantasien bleiben außen vor ...

Oliver Berben (lacht): Da kann man mal sehen, wie groß meine weibliche Seite ist! Aber im Ernst: Fast alle meine Filme sind Frauenfilme, weil Frauen die interessanteren Wesen sind. Sie sind vielschichtiger, man hat auch mehr widersprüchliche Ebenen. Männer sind im Allgemeinen einfacher gestrickt, gehen ihr Ziel geradliniger an.

Hast Du beim Drehbuchschreiben mit Deiner Verlobten Katrin Kraus über die weibliche Sicht gesprochen?

Oliver Berben(lacht): Ich habe zunächst mit niemanden über das Drehbuch gesprochen. Als ich es geschrieben habe, war ich lustigerweise in einem Männerurlaub. Ich hab das sehr schnell und intensiv in dreieinhalb Wochen durchgezogen. Als es fertig war, habe ich es drei Personen gegeben: dem Constantin-Vorstandsvorsitzenden Martin Moszko­wicz, der Romanautorin Charlotte ­Roche und dem Regisseur Sönke Wortmann. Es hat allen dreien gut gefallen, vor allem, dass man lachen kann, und es einem dann auch wieder im Halse stecken bleibt. Ursprünglich hatte ich ja gar nicht vor, das Drehbuch selbst zu ­schreiben, ich wollte zunächst eigentlich mit einem prosaisichen Text klären, was mich an der Romanvorlage und am Charakter der Hauptfigur interessiert.

Was hat Dich besonders interessiert?

Oliver Berben: Ein großes Thema war: Wie schaffst du es, eine Beziehung über so lange Zeit frisch zu halten? Dass du deinen Partner immer noch liebst, dass du ihn begehrst, dass du ihn nicht langweilst. Für mich ist der Film eine Hommage an die Beziehung! Dass eine Frau, die mit der Auslöschung der halben Familie so viel durchgemacht hat, nicht bricht, weil sie einen unerschütterlichen Glauben an die Liebe und die Beziehung hat, an das Miteinander, und dass man dafür kämpfen muss – das ist eine der tollsten Aussagen, die man überhaupt treffen kann! Dass es sich auszahlt, in einer Beziehung auch durch schlechte Zeiten zu gehen, an dir zu arbeiten und Kompromisse zu schließen.

Der Sex taucht im Film u.a. als Lebendigkeitsbeweis auf – es wird aber nie so provokant wie im Roman ...

Oliver Berben: Der Sex steht im Mittelpunkt. Doch man würde das Buch missverstehen, wenn man darin eine reine Sexgeschichte sähe. Der Sex ist Mittel zum Zweck – eine von mehreren Komponenten, mit der die Figur Elizabeth Kiehl versucht, ihr Leben in den Griff zu kriegen. Dazu gehört die Therapie, dazu gehört ihr Mann, und dazu gehört eben auch, mit ihm in den Puff zu gehen und sexuelle Fantasien auszuleben. Sex ist für sie auch eine Form von Therapie. Denn sie sagt: „Nur beim Sex fühl ich mich wirklich frei.“ Der Gedanke ist schön.

Im Film gibt es in der Fantasie von Elizabeth Kiehl auch einen Puff für Frauen, wo knackige Männer in den Gängen stehen ...

Oliver Berben: So was gibt es auch in Wirklichkeit! In Berlin zum Beispiel. Auch Escort-Services für Frauen. Das funktioniert übrigens besser als ein Bordell für Frauen. Hab ich mir sagen lassen ...

Von wem? Wo hast Du für das Drehbuch recherchiert?

Oliver Berben:  Ich hab viel mit Psychotherapeuten gesprochen, weil ich mich mit dem Thema überhaupt nicht auskannte. Als mir Charlotte Roche erzählte, dass der Roman für sie auch eine Werbung für die Therapie sei, habe ich da näher hingeschaut. Daneben hatte ich auch Gespräche mit Escort-Agenturen, weil ich wissen wollte, wie stark das ist – zwischen Männern und Frauen. Erstaunlich war, wie viele Frauen das tun ...

Was sagst Du als Mann dazu?

Oliver Berben: Ich hab da kein Problem damit – ich kann das gut verstehen. Bei meinen Recherchen stellte sich heraus, dass die meisten sogar in relativ guten Beziehungen leben. Charlotte Roche meinte sogar, es wär viel besser, wenn das mehr machen würden, vielleicht würde es dann weniger Trennungen geben. Ich glaube, man darf das nicht verallgemeinern, aber ich finde toll, dass das Thema enttabuisiert wird, und dass man Frauen das Gleiche zugestehen kann wie Männern.

Wie war Charlotte Roches erste Reaktion auf den Film?

Oliver Berben: Sie hat ihn sich ganz allein in unserem Constantin-Kino angeschaut. Den Termin zu machen, war nicht leicht – sie hat ihn immer wieder verschoben. Jenseits von allem, hat die Geschichte ja sehr viel mit ihr zu tun, und sie hatte, das hat sie mir nachher auch gesagt, sehr große Angst davor. Was ich dann ganz großartig fand: Sie kam lachend und mit laufenden Tränen aus dem Kino. Später sagte sie, dass Dinge im Film, die in Wirklichkeit überhaupt nicht so waren, ihr helfen würden, das Erlebte mit einem größeren Abstand zu sehen.

Welche Szenen waren für Dich besonders schwierig zu schreiben?

Oliver Berben: Alle. Der Roman funktioniert so, dass du in dieses Leben reingeworfen wirst, gehst ein paar Tage mit und wirst wieder rausgeschmissen. Das bleibt auf einer Ebene. Das mussten wir im Film verändern, denn da kannst du keine eigenen Vorstellungen entwickeln, das Bild wird dem Zuschauer ins Gesicht gehalten. Deshalb war mir wichtig, dass man die Hauptfigur mit einer gewissen Entwicklung verfolgen kann, einer vollführenden Handlung. Bei uns ist das die Therapie, die sie – ganz anders als im Roman – auch abschließt.

Was war der Grund, dass Du Dich um die Filmrechte bemüht hast?

Oliver Berben: Einer der Auslöser war ein Satz, den Elizabeth Kiehl im Buch sagt: „Auf den Gräbern meiner toten Brüder ist meine Tochter entstanden.“ Ich finde, dass dieser eine Satz alles beinhaltet, was das Leben ausmacht: Leben, Tod, Liebe, Geborgenheit, Zugehörigkeit, Verantwortung – all das steckt da drin. So einen Satz musst du erst einmal ­schreiben, aber noch viel härter – du musst ihn erlebt haben. Als ich den gelesen habe, dachte ich mir, dieser Charakter, der so einen Satz sagt, der interessiert mich!

Den Charakter spielt Lavinia ­Wilson – mutig, und wie ich hörte, bei den Sexszenen auch ohne Double ...

Oliver Berben:  Ich find sie auch ganz toll! Beim Casting haben Sönke Wortmann und ich uns angeschaut, und wir wussten: Das wird nicht besser werden. Und so war es auch. Sie hat diese Ähnlichkeit mit Charlotte Roche, auch diesen Duktus, das Nervöse, doch was Lavinia trotzdem schafft, obwohl sie nicht die leichteste Identifikationsfigur ist, dich nicht wegzustoßen, keine Distanz aufzubauen.

Und sie hat großen Mut gezeigt ...

Oliver Berben: Das war für sie überhaupt kein Problem. Sie hat das Buch gelesen und mich sofort angerufen und gesagt: „Ich werde alles dafür tun, dass ich diese Rolle spiele.“ Ich glaube, dass Schauspieler generell keine Probleme mit solchen Nackt- oder Liebesszenen haben, wenn sie motiviert sind. Es gibt nichts Unerotischeres, als so eine Szene wie die im Bordell zu drehen. Doch das Verständnis dafür, dass diese Szene in dem Film so wichtig ist, hat geholfen, dass das am Ende ganz einfach war.

Interview: Ulrike Schmidt

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