Ordentliche, aber tote Welt

- "Alle Schönheit ist analytisch", hat Edgar Allan Poe einmal geschrieben. Auf kaum einen anderen Filmemacher trifft dieser Satz so zu wie auf Michelangelo Antonioni. Gestern wurde der in Ferrara geborene Regie-Meister, der am 29. September seinen 90. Geburtstag feiert und an den Folgen eines Schlaganfalls leidet, beim Filmfestival vom Venedig für sein Lebenswerk geehrt. Parallel läuft während der Mostra eine Retrospektive seines Gesamtwerks.

<P></P><P>Ein magisches Erlebnis: Man sitzt in einem Raum und sieht einen Film, in dem eine Szene gezeigt wird, die genau in jenem Raum spielt, in dem man gerade sitzt. Bei der Vorführung von Antonionis "La Signora senza Camelie" konnte einem das jetzt passieren. Bei dem Film von 1953 handelt es sich um eine so kluge wie kühle Betrachtung der Filmindustrie. Im Zentrum steht eine junge Schauspielerin, die die Grundregel ihres Geschäfts erst noch lernen muss. "Sie wollten nur einen schönen Körper", resümiert sie am Ende bitter und gibt desillusioniert den ökonomischen Zwängen nach: Auf die Ausbeutung folgt die Selbstausbeutung.</P><P>Mit 38 Jahren drehte Antonioni seinen ersten Film. Ein spätes Debüt. Zuvor schrieb der Sohn aus bestem Haus Kinokritiken. Unter Mussolini arbeitete er bei Zeitungen, in denen sich der antifaschistische Widerstand sammelte. "Cronaca di un amore" (1950) handelt von einem Ehebruch in großbürgerlichen Kreisen. Das Bürgertum schaufelt hier sein eigenes Grab. Nicht nur durch solch scharfe Sozialkritik enthält schon dieser Film den ganzen Antonioni: Fast immer stellt er Frauen ins Zentrum, als Schauspielerinnen erst Lucia Bosè, dann Monica Vitti, mit der er auch verheiratet war, daneben Jeanne Moreau und Maria Schneider.</P><P>Noch wichtiger ist Antonionis Stil. Hier liegt das eigentliche Geheimnis seiner revolutionären Wirkung. Lakonismus, konzentrierte Langsamkeit der Einstellungen, vor allem die Antonioni-typischen Landschaften: reine Leere. Leer ist alles in diesem Kino. Pflanzen, wo es sie gibt, wirken karg, die Natur gebändigt oder beschädigt. Oft sieht man moderne Architektur. Es ist eine sichere, aber öde, eine ordentliche, aber tote Welt. Der Tod im Leben. Mit jedem Film löst sich Antonioni etwas mehr von der Realität, geht ins Symbolische, wo auch die Menschen Objekte und Zeichen werden.</P><P>Sein berühmtester Film bleibt "La Notte" (1962): Marcello Mastroianni und Jeanne Moreau sind Gäste einer exklusiven Party, auf der Menschen einander die Masken von der Seele reißen, worauf immer wieder eine neue hervorkommt. Seinen größten Erfolg erlebte Antonioni mit "Blow Up": Ein Fotograf dokumentiert möglicherweise mit der Kamera zufällig einen Mord. Das denkbare Verbrechen erzeugt Hitze in seinem Leben, Neugierde wird zu Besessenheit, und dabei feiert der Film auch noch das Swinging London der 60er-Jahre. Zugleich wächst das Schweigen, wird in "Zabriskie Point" total. Kaum mehr Wortwechsel gibt es in Antonionis Bilderwelt, stattdessen ein fanatisches Umkreisen der Gewalt.</P><P>In seinen letzten Filmen - "Beruf: Reporter", "Identifikationen einer Frau" - ist Antonioni tief pessimistisch in Bezug auf die Zukunft des Individuums. Nichts scheint heute fremder, als solche Filme. Und nichts nötiger.</P>

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