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Hey @realDonaldTrump“ schreibt Moderator Jimmy Kimmel den US-Präsidenten während der Gala auf Twitter an. Das Display seines Smartphones wird dabei gut sichtbar auf den Bühnenhintergrund projiziert. „Bist du wach?“ geht der Tweet weiter. Der US-Präsident reagierte nicht.

Das Schweigen des Lärmers

Oscars: Kimmel & Co setzen Zeichen gegen Trump 

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Bei der Oscar-Gala positionieren sich Gastgeber Jimmy Kimmel und viele Sieger gegen Präsident Trump – der sich nicht meldet.

Los Angeles - Um 6.12 Uhr deutscher Zeit liefert Schauspieler Warren Beatty US-Präsident Donald Trump die perfekte Steilvorlage. Die Oscars 2017: Fake! Fake! Fake! Wie sonst ließe sich diese Panne – ausgerechnet bei der Preisvergabe in der wichtigsten Kategorie – erklären? Da rufen der 79-jährige „Bonnie und Clyde“-Star und seine Filmpartnerin von einst, Faye Dunaway, „La La Land“ als Gewinner des Oscars für den besten Film aus, da strömt das gesamte Team des verzaubernden modernen Musicals glückselig auf die Bühne, da jubelt das Publikum über den Sieg von Damien Chazelle, da bedanken sich die „La La Land“-Produzenten mit rührenden Worten bei Mutti, Vati, Publikum und der Academy. Aber dann, aber dann. Die Worte schlagen ein wie ein Gegentor in der Nachspielzeit. Jordan Horowitz greift zum Mikrofon und ruft dem Team von „Moonlight“ zu: „Das war ein Fehler! ,Moonlight‘, ihr habt den Preis gewonnen! Das ist kein Witz! Kommt auf die Bühne!“ Und als der „La La Land“-Produzent dann noch anfügt, dass er wirklich stolz sei, den Preis „an meine Freunde von ,Moonlight‘ weiterzureichen“, klingt das ehrlicher als vieles andere an diesem wie immer perfekt inszenierten Abend.

Hier ist die richtige Karte, „La La Land“-Produzent Jordan Horowitz (li.) zeigt sie den Gästen: „Moonlight“ wurde zum besten Film gekürt. Schauspieler Warren Beatty (Mi.) hatte jedoch einen falschen Umschlag erhalten und deshalb das Team von „La La Land“ auf die Bühne gebeten. Moderator Jimmy Kimmel schaut konsterniert.

Ausgerechnet „La La Land“. Ein Film, der die cineastische Vergangenheit zelebriert und mit dieser Verwechslung vor Millionenpublikum nun selbst in die Kinogeschichte eingeht. Vor allem aber verdeutlicht die Schlussszene im Dolby Theatre Los Angeles, vor welcher Entscheidung die rund 7000 Stimmberechtigten heuer bei der Kür der Preisträger standen. Belohnen sie Arbeiten, die zum Eskapismus einladen – oder jene, die zur Auseinandersetzung mit der politischen Realität drängen?

„La La Land“, das ist die leichtfüßig-beschwingte Filmwerdung des amerikanischen „Lebe deinen Traum“-Ideals. „Moonlight“ ein Drama, das ein Rufzeichen hinter die Werte Toleranz und Mitmenschlichkeit setzt. Dass Barry Jenkins’ Film über einen homosexuellen schwarzen Jugendlichen das Rennen machte, ist ein klares Signal in Zeiten, in denen ein Präsident offen gegen Minderheiten ätzt.

Überhaupt ist die Verleihung wie erwartet politisch. Die Panne am Schluss hätte Donald Trump wunderbar ausschlachten und sich damit rächen können für all die Seitenhiebe, die Moderator Jimmy Kimmel während der Show austeilt. Doch der Präsident bleibt ungewohnt stumm. So stumm, dass Kimmel irgendwann von der Bühne aus twittert: „Hey, Donald Trump, u up?“ – sinngemäß: „Bist du wach?“

Farbiges Signal gegen die US-Politik: Viele Gäste – hier Schauspielerin Ruth Negga – trugen die blaue Schleife der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung „American Civil Liberties Union“ (ACLU).

Während im vergangenen Jahr noch völlig zu Recht kritisiert wurde, dass keine Dunkelhäutigen unter den Nominierten waren, ist der erste Gewinner heuer der Schwarze Mahershala Ali als bester Nebendarsteller in „Moonlight“, wenig später in der gleichen Kategorie auf weiblicher Seite die Farbige Viola Davis für ihr berührendes Spiel in „Fences“. Mit „O. J.: Made in America“ wird ein Dokumentarfilm gewürdigt, der ein Zeichen gegen Polizeigewalt und Rassismus setzen will. Und auch die deutsche Oscar-Hoffnung „Toni Erdmann“ wird von einem Werk abgehängt, dessen Prämierung Zündstoff birgt: „The Salesman“ gewinnt als bester nicht-englischsprachiger Film, der iranische Regisseur Asghar Farhadi ist wie vorab angekündigt nicht zur Verleihung in Los Angeles erschienen – aus Protest gegen Trumps Einwanderungspolitik.

Aus Protest gegen Donald Trumps Einreiseverbot für Muslime boykottierte der iranische Regisseur Asghar Farhadi die Oscar-Gala. Die Astronautin Anousheh Ansari verlas eine Erklä- rung ihres Landsmanns.

Hollywood bleibt Hollywood. Die Filmwelt ist liberaler als der Rest des Landes. Die Appelle für ein Miteinander und gegen Grenzen, die sie an diesem Abend alle in ihren Dankesreden formulieren, werden viele US-Bürger nicht gutheißen. Und dennoch sind es mehr als leere Worte. Wer Film liebt, muss sich den Glauben an die positive Macht der Bilder bewahren. So wie es Farhadi in seiner Stellungnahme, die er aus dem Iran nach Hollywood geschickt hat, formuliert: „Wer die Welt in Kategorien von ,Wir‘ und ,unsere Feinde‘ einteilt, schafft Angst. Filmemacher erzeugen Empathie zwischen uns und anderen. Und Empathie ist das, was wir heute mehr brauchen denn je.“

Die lange Oscar-Nacht haben wir im Live-Ticker begleitet. Den gibt es hier zum nachlesen. 

Bilder der Oscars 2017, die noch lange im Gedächtnis bleiben

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