Paris liegt in Peking

- "Hat jemand ein Pflaster?" - sicher zehnmal ertönt diese Frage, rotzig herausgeschrien aus dem Mund eines jungen Mädchens. Derweil flaniert eine gelenkige Handkamera mit unserem Blick durch die Bühnenräume eines Theaters. Musik setzt ein. In diesen kurzen Minuten lernen wir schon viel über Tao, die Hauptfigur von "Shijie". Über ihre Kompromisslosigkeit, ihre Energie, ihre heimliche Angst. Ihre Arbeitskollegen und ihren Arbeitsplatz, der für sie fast mit dem Leben identisch ist. Sie scheint Tänzerin zu sein.

Am nächsten Tag sieht man sie unter dem Eiffelturm: "Ich bin gerade in Paris", sagt sie, "nachher fahre ich nach Indien".

Doch die globale Kulisse, das Jet-Set-Leben der jungen Frau ist nur Schein, Paris liegt in Peking - der bestechende Schauplatz dieses Dramas ist der "Worldpark" in Chinas Hauptstadt, eine traumhafte Filmkulisse, wo es alles gibt, neben dem Eiffelturm, dem World-Trade-Center und den Pyramiden auch die sieben Todsünden, Liebe, Ausbeutung und das Sterben.

"Shijie" erzählt von jungen Menschen in Peking, die auf der Suche nach Freiheit sind, die ihnen jedoch immer wieder entgleitet. Regisseur Jia Zhang-ke knüpft ein dichtes Beziehungsnetz, lässt sich dabei immer wieder auf Exkurse und Episoden ein und fügt alles zu einem epischen Panorama der Gegenwart, nicht nur Chinas. Zwingend in Stil und Story, in atemberaubender Farbenpracht, schwerelos schwebenden Bildern - Kino als Wunderland.

Lange gab es nicht so schöne, so brillant inszenierte Bilder, lange gab es auch nicht so brutale Szenen

Das gilt auch für andere chinesische Filme wie Hou Hsiao-hsiens "Café Lumière". Oder "B4 20" (sprich: "before twenty") aus Hongkong. Wie das ganze Filmfest ist auch das internationale Programm ein Gemischtwarenladen, in dem manch seltene Frucht direkt neben faulem Obst abgelegt wird. Ein Glücksspiel, bei dem das Festival, das ja ein Publikumsfestival sein möchte, seinen normalen Zuschauern viel zu wenig bei der Orientierung hilft. Wer aber Glück hat und nicht nur Sicheres wie den Cannes-Sieger "L'Enfant" der Brüder Dardenne anschaut, trifft zum Beispiel auf "Havoc", das grandiose Debüt der Dokumentarfilmerin Barbara Kopple. In nervöser Intensität zeigt die Regisseurin die zufällige Begegnung der reichen Jeunesse dorée von Los Angeles mit Latino-Banden aus Downtown L.A.

Verstörend und spannend ist der britische Film "The Great Ecstasy of Robert Carmichael" - eine Art "Clockwork Orange" unserer Tage. Lange gab es nicht so schöne, brillant inszenierte Bilder im Kino, lange gab es auch nicht so brutale Szenen. Wie einst Kubrick gelingt Regisseur Thomas Clay das schockierende Porträt einer Jugend ohne Zukunft. Stilistisch das Gegenteil, aber ähnlich hochspannend ist der iranische "One Night". Die junge Niki Karimi, bisher Schauspielerin, begleitet in ihrem Regiedebüt eine junge Frau auf ihrem ziellosen Weg durch die Teheraner Nacht. Der Film gibt einen präzisen, ungemein spannenden Einblick in die iranische Wirklichkeit hinter dem Schleier. Ein Film, wie man ihn leider nur auf dem Filmfest sehen kann.

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