Pazifisten mit Pistolen

- "Liebe Wendy" - so könnte ein Tagebucheintrag anfangen oder ein Liebesfilm. Aber Wendy, die beste Freundin von Dick (Jamie Bell), einem Teenager aus einem heruntergekommenen US-Bergwerkskaff, ist eine Geliebte besonderer Art: ein kleiner Revolver. Eigentlich ist Dick Pazifist, aber ein paar Schießübungen in einer der stillgelegten Minen können trotzdem nicht schaden.

Bald gründen er und seine besten Freunde - ein Mädchen, Susan, ist auch dabei -, einen Club, in dem sie sich "Dandys" nennen, wunderschöne Klamotten anziehen, ihre Schusswaffen, skurrile Rituale und auch ihren Pazifismus pflegen. Die Waffen dürfen nämlich nicht gegen Menschen gerichtet werden. Natürlich passiert das irgendwann doch.

Das Drehbuch zu "Dear Wendy", dem Film von Thomas Vinterberg ("Das Fest"), stammt von Lars von Trier. Auf den ersten Blick wirkt der Film wie eine jener Allegorien auf die Vereinigten Staaten, für die von Trier bekannt ist, erinnert auch an "Dogville". In dieser Form ist dies ein Gegenwartswestern und Porträt einer Gruppe von Jugendlichen, die sich zwischen Wirklichkeit und Fantasie entscheiden muss - und entschlossen Letztere wählt.

Das Motiv des Leidens an der Welt und der Flucht aus ihr mischt sich mit dem der Selbstinszenierung, die eigentlich auch nur eine andere Form der Distanz zur Welt ist. Vinterberg erweist sich damit endgültig als ein großer Romantiker des Kinos, der, von guter Pop-Musik untermalt, den Geist des Dandytums und die dazugehörende Stilisierung zelebriert, alte Kinostile beschwört, um in ihnen etwas ganz Zeitgemäßes zu erzählen. Das Zeitgemäße daran ist der Aufschrei einsamer junger Menschen, die sich nicht integrieren wollen.

Am Ende verzichtet der Film auf die Entscheidung zwischen von Triers zynischem Moralismus und der Liebe Vinterbergs zum Kino und den Ideen Amerikas und feiert die Widersprüchlichkeit seiner "Pazifisten mit Pistolen". Dass nun ausgerechnet dies von der deutschen FSK im Gegensatz zum Rest der Welt mit dem Prädikat "nur ab 18" versehen wurde, ist albern und durch die Bilder nicht zu rechtfertigen. Hier soll offenbar die Gesinnung der Story - die Entscheidung für die Moral der Fantasie, gegen die Moral der Anpassung - abgestraft werden. Das aber hat "Dear Wendy" nicht verdient.

"Dear Wendy"

mit Jamie Bell, Mark Webber

Regie: Thomas Vinterberg

Sehenswert

Einsame Jugendliche, die sich nicht integrieren wollen: Dick (Jamie Bell, li.) und Stevie (Mark Webber) im Kugelhagel.Foto: ap

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