Petersen, Paris und das Pferd

- Troja/München - Nur ein paar knorrige Feigenbäume spenden heute Schatten in Troja. Im Sommer gibt es hier nichts als verdörrtes Gras und Steine, Steine, Steine. Diese Überreste zeugen von 3500 Jahren Besiedlung und der Zerstörung einer sagenumwobenen Stadt. Zwischen Istanbul und Izmir entdeckte der Deutsche Heinrich Schliemann 1870 die Überreste einer einst direkt an der Meerenge gelegenen Stadt: Troja. Ein anderer Deutscher, Erfolgs-Regisseurs Wolfgang Petersen nämlich, lässt die Geschichte der legendären Steinhaufen wieder lebendig werden. Heute startet in unseren Kinos sein Film "Troja".

<P>Es geht um Liebe und Verrat, Ehre und Treue, Mut und Zorn - wie in vielen Hollywood-Streifen. Petersens "Drehbuch" entstand jedoch im 8. Jahrhundert v. Chr.: Homers "Ilias", der "Urroman der Menschheit", ist die älteste erhaltene Dichtung des Abendlandes. </P><P>Der blinde Sänger - ob es ihn gab, ist nicht sicher - schildert eine 51-tägige Episode aus dem Krieg der Griechen gegen Ilion, wie Troja damals genannt wurde. Viele griechische Fürsten, darunter Achill (Brad Pitt), waren Agamemnon und seinem Bruder Menelaos zur Hilfe geeilt. Denn der flotte Trojer-Prinz Paris hatte diesem nicht nur Hörner aufgesetzt, sondern die schöne Helena auch noch geraubt. </P><P>Sein Vater, König Priamos (gespielt von Peter O'Toole), und Bruder Hektor waren zwar von Paris' Eskapaden nicht begeistert, rückten dennoch Helena nicht mehr heraus. Zusätzlich angestachelt von den Göttern, die Homer genauso humorvoll schildert wie die Helden, gingen beide Völker ans große Metzeln. Zehn Jahre lässt Homer diesen grausamen Feldzug dauern. <BR><BR>Der Computer baut Troja wieder auf</P><P>Schon möglich, schätzen Experten heute. Die damals 5000 Einwohner zählende Stadt war während der Bronzezeit mit großen Türmen und Stadtmauern gesichert. In einem Buch lassen Birgit Brandau, Hartmut Schickert und Peter Jablonka per Computersimulationen, basierend auf den archäologischen Funden in der Türkei, die eindrucksvollen Befestigungsanlagen auferstehen: "Die Festungsmauern aus Kalkstein ragten rund 8,5 Meter hoch am steilen Hang empor. Vier Meter dick und mindestens genauso hoch türmte sich darüber der Lehmziegelaufbau. Wer unten vor dieser Anlage stand, sei es Freund oder Feind, der empfand sich selbst als klein und ohnmächtig."<BR><BR>Gegen diese gewaltige Stadt kämpften die Griechen vergeblich - bis Odysseus (im Film Sean Bean), König von Ithaka, auf die List mit dem hölzernen Pferd kam. In der "Ilias" taucht übrigens gar kein "Trojanisches Pferd" auf. Dafür findet sich diese End-Version der Schlacht um Troja im zweiten Gesang von Vergils "Aeneis", dem Gründungs-Epos Roms; in Homers "Odyssee", das die 10-jährige Heimfahrt des Odysseus nach der Vernichtung Trojas erzählt - und natürlich auch im Film wieder.<BR><BR>Odysseus Taktik war trickreich: Die Griechen bauten ein großes hohles Pferd aus Holz, in dem sie ihre dreißig tapfersten Krieger verbargen. Die restlichen Heere brachen zum Schein alle Zelte ab und lenkten ihre Flotte auf das offene Meer. Dies beobachteten die Trojaner, wähnten die Belagerung für beendet und das Pferd für ein Geschenk der Griechen an die Götter. Trotz der Warnung ihres Priesters Laokoon, zogen sie es in die Stadt. Nachts entstiegen die Griechen dem Versteck, informierten mit Fackel-Zeichen ihre Mitstreiter und öffneten die mächtigen Stadttore. So weit die Legende, die man sich schon in der Antike gerne erzählte.<BR><BR>Doch weder für Krieg noch für das Pferd haben Archäologen Beweise gefunden. Troja wurde mehrmals von fürchterlichen Katastrophen heimgesucht. Man hat dicke Schichten verkohlten Materials festgestellt. Ob diese durch Eroberer oder Erdbeben ausgelöst wurden, kann 3000 Jahre später niemand mehr nachprüfen. Die Wissenschaft diskutiert noch immer, ob Schliemann wirklich Troja fand.<BR><BR>Sicher ist mittlerweile, dass der Dichter Homer den Schauplatz seiner Geschichte gekannt hat: Aber schließlich ist die "Ilias" kein Geschichtsbuch, sondern Literatur. Von der Richtigkeit der Schliemann'schen Entdeckung ist hingegen das internationale Team um den Tübinger Archäologen Manfred Korfmann überzeugt. Seit 1988 legt es die türkische Ausgrabungsstätte Stein um Stein frei: Insgesamt hat man bisher neun verschiedene Stadt-Schichten gefunden. Das Troja, in das uns Wolfgang Petersen in seinem Film entführt, liegt laut ihren Berechnungen in der "achten Schicht".<BR><BR></P>

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