Pfiffiges Starvehikel

- "Schlagerfilm" nannte man im 20. Jahrhundert jene Gattung des auf deutsche Verhältnisse zurechtgestutzten Starvehikels, in dem die Story und der Rest des Films nicht mehr als den wohlfeilen Vorwand für den Auftritt von Sangesgrößen bildeten. Gerade in Deutschland pflegt ein Filmschauspieler sich spätestens im vierten Karrierejahr zu langweilen und beginnt, Regie zu führen oder zu singen. "Da bin ich meinen Fans näher" oder "irgendwie authentischer", lauten die Begründungen, und man könnte lange darüber philosophieren, was bei uns los ist, dass so viele Schauspieler "sie selbst" sein wollen.

Vorgetäuschte Doku

Lars Kraume allerdings ist nicht nur ein begabter und für seine 32 Jahre sehr routinierter, sondern auch ein pfiffiger Regisseur. So macht er aus dem eigentlich schauspielfeindlichen Wunsch eines Darstellers, sich selbst zum Ausdruck zu bringen, das Beste, indem er die Identitätskrise im Film thematisiert. Denn in "Keine Lieder über Liebe" heißt Jürgen Vogel zwar Markus, Florian Lukas Tobias und Heike Makatsch Ellen, aber sie bleiben doch immer Vogel, Lukas und Makatsch. Diese Verwechselbarkeit ist gerade das Konzept des Films und des modischen Genres der "Fake Doku", einer vorgetäuschten Dokumentation. Sie stellt die Grenze von Realität und Spiel, Kunst und Natur in Frage. Für den Zuschauer liegt der Reiz in der ständigen Verwirrung darüber, ob das nun gespielt ist oder nicht.

Das ist es natürlich - aber ohne Drehbuch, spontan und improvisiert. Vogel machte wirklich mit der Band "Hansen" eine Tournee durch Hannover, Hamburg und norddeutsche Kleinstädte und sang dort mehr schlecht als recht, aber nicht unsympathisch. Neben Roadmovie und "Bandfilm" mischt Kraume als drittes Genre den Beziehungsfilm hinein. Es geht um zwei Brüder, der eine hat mit der Freundin des anderen geschlafen. Nun sind alle drei auf Tour und haben gehörig Gelegenheit zu Streit und Versöhnung.

"Keine Lieder über Liebe" entwickelt viel Dynamik. Was da geredet wird, ist zwar manchmal zu viel, aber gar nicht doof, und auch darin liegt ein Reiz, da sich in den spontanen Dialogen die Ebenen vermischen: Wie oft hat Vogel sich in eine Beziehung eingemischt? Wie unsicher ist Makatsch wirklich? Und wie sehr ähnelt Kraume selbst dem Tobias, der das Filmemachen ("Ich bin Regisseur, also äh ich will einer sein.") vor allem als Wille und Vorstellung praktiziert? Immer bleibt Kraumes Film neugierig, bietet Raum für Fragen und keine vorschnellen Antworten.

(In München: Atelier, Monopol).

"Keine Lieder über Liebe"

mit Jürgen Vogel, Heike Makatsch

Regie: Lars Kraume

Sehenswert 

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