Poesie der Schnoddrigkeit

- "Wer die Wirklichkeit sehen möchte, soll aus dem Fenster schauen." Dass Film "nie nackte Realität" sei, hob Andreas Dresen auf der Pressekonferenz zu seinem neuesten Film hervor. Beim Filmfestival in San Sebastián hatte "Sommer vorm Balkon" gerade seine Premiere erlebt, zum Abschluss gab es den Preis für das beste Drehbuch für den 75-jährigen Drehbuchautor und Konrad-Wolff-Schüler Wolfgang Kohlhaase.

Mit Begeisterung nahm auch das baskische Publikum diese bittersüße Sommergeschichte auf, den ersten Film des Berliner Regisseurs, der wieder in der Hauptstadt spielt, seit seinem Debüt "Nachtgestalten". Im Zentrum stehen Nike und Katrin.

Tragikomisches Porträt Berlins

Nadja Uhl und Inka Friedrich spielen die zwei Freundinnen, die im selben Haus am Prenzlauer Berg leben. Katrin hat einen Sohn, aber dafür keinen Job, und beide suchen zwar nicht gleich einen Mann fürs Leben, aber wenigstens für ein paar Wochen. Dresen gelingen sehr dichte, dabei ungewohnte Eindrücke aus dem Berlin der Gegenwart, durchzogen von "running Gags", humorvoll-melancholischem Grundton und viel schnoddrigem Witz. Ganz beiläufig entsteht auf diese Weise auch das tragikomische Porträt einer Gesellschaft, die von innerer Unsicherheit geprägt ist, ohne sich wirklich am Abgrund zu befinden - eine präzise, undramatische Momentaufnahme bundesrepublikanischer Wirklichkeit.

"Sommer vorm Balkon" war der einzige deutsche Wettbewerbsbeitrag beim nach Cannes, Berlin und Venedig wichtigsten Filmfestival Europas, das zum 53. Mal stattfand. Sieger der renommierten Goldenen Muschel wurde "Stesti", ein Episodenfilm des Tschechen Bohdan Sláma: ein überraschender, durch die altbackenen Klischees, die der Film bedient, umstrittener Preis, dessen Vergabe durch die von Anjelica Huston geleitete Jury vom Festivalpublikum mit Beifall und mit auffallend vielen Buhs kommentiert wurde.

Zwei Preise (Regie und Kamera) gingen an den chinesischen Beitrag "Sunflower". Regisseur Zhang Yang erzählt darin die Geschichte einer Familie von den 60er-Jahren bis zur Gegenwart. Im Gegensatz zu vielen chinesischen Filmen ist hier die Familie keineswegs eine heile Welt. Vielmehr bleibt über alle politischen Brüche hinweg der Vater-Sohn-Konflikt die Konstante der Geschichte. Visuell aufregend war der Film von Terry Gilliam: "Tideland" (Preis der Filmkritik): Eine Art Middle-West-Version von "Alice im Wunderland", ein geglücktes Gemisch aus Imagination und Alltagsrealismus. Zart poetisch reist "Tideland" ins Innenleben eines jungen Mädchens, dessen Eltern beide tot sind und das sich, ganz auf sich gestellt, ins Reich der Träume zurückzieht.

Zu den wandlungsfähigsten Regisseuren der Welt gehört Michael Winterbottom. Diesmal überraschte er mit einer ungewöhnlichen Literaturverfilmung: "A Cock and Bull Story" nähert sich einem Klassiker, Lawrence Sternes "Tristram Shandy". Der Roman aus dem 18. Jahrhundert, gilt als unverfilmbar - nicht zuletzt, weil die titelgebende Hauptfigur auch am Ende von über 1000 Seiten noch gar nicht geboren ist. Weil das tatsächlich unmöglich zu verfilmen wäre, reproduziert Winterbottom nun diese selbstreflexive Ebene und damit den Geist der Vorlage, nicht ihre Story: Zunächst wirkt alles wie ein Kostümfilm. Doch dann treten die Schauspieler quasi vor die Leinwand und kommentieren das Geschehen dort, wie die Arbeit des Regisseurs.

Politisch brisantes Kino kam aus Argentinien und dem Iran: "Iluminados por el fuego" von Tristan Bauer (Spezialpreis der Jury) ist der erste argentinische Film, der offen den Falkland Krieg von 1982 und seine Folgen thematisiert. Bauer erzählt von einem Veteran, der von seinen Erinnerungen eingeholt wird. Bauer reichert seine Fiktion mit viel dokumentarischem Material an, doch leidet sein Film an Nationalismus: Zwar wird die damalige Diktatur kritisiert, die versuchte "Befreiung" der Falklands aber gerechtfertigt.

In der Nebenreihe Zabaltegi lief "The Forbidden Chapter". Der Iraner Fariborz Kamkari nutzt das Muster eines Polizisten auf der Jagd nach einem Serienkiller zu einer klugen und an iranischen Verhältnissen gemessen deutlichen Anklage des religiösen Fundamentalismus. Ähnlich stark war "Sa-kwa", das Debüt des Koreaners Kang Yi-kwan (Nachwuchsdrehbuch-Preis). Kang zeigt eine Frau zwischen zwei Männern. Am Ende bringen weder Leidenschaft, noch Pragmatismus die Erfüllung - allein, aber optimistisch geht sie ihren Weg und hat gelernt, dass das Glück manchmal in der Freiheit liegt.

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