Poetische Etüde der Stille

- Früher hat er Hunde verprügeln, seine Figuren Angelhaken erst essen, dann sich selbst wieder herausziehen lassen und die Besucher von Filmfestivals schockiert - ohne dass sich solche ungesehenen, an Höhepunkte der europäischen Avantgarde anknüpfenden Bilder in Form von Preisen auszahlten. Seit kurzem ist der koreanische Regiestar Kim Ki-duk zahm geworden und macht andere Filme: poetische Etüden im Schatten junger Menschenblüte, Filme voller Zurückhaltung, ebenso buddhistisch wie französisch angehaucht, mit zartem Satie-Klimpern im Hintergrund, ein bisschen braver, aber immer wunderschön - und siehe da: Die Preise purzeln. "Bin jip" gewann in Venedig.

Der Film lebt von Andeutungen. Die Kunstgriffe, das Irreale sind hier das Schönste, hinter dem die konstruierte Handlung schnell verschwindet. Wie ein Geist taucht der junge Mann in der Luxuswohnung eines Fotomodells auf, das sich im goldenen Käfig seiner Ehe lebendig begraben fühlt. Der Gatte schlägt die Frau, und so ist sie schnell bereit, mit dem Jüngling in den Großstadtdschungel abzutauchen. Ihr Begleiter lebt in fremden Wohnungen, durch einen Trick findet er heraus, welche gerade verlassen sind. Er wäscht die Klamotten der Bewohner mit der Hand, ein wenig zwanghaft um Reinheit bemüht. Das letzte Ritual ist, dass er sich in der fremden Wohnung fotografiert.

So sind die beiden Hauptfiguren in einer kinderleichten und etwas schrägen "amour fou" vereint. Bis zum Ende werden sie dabei kein Wort miteinander sprechen, es quasseln immer nur die anderen. Was dann da am Ende genau passiert, wenn der Film immer verrücktere Einfälle hat, darüber kann man sich lange den Kopf zerbrechen - muss man aber nicht. Keine Frage: In puncto Gestaltungskraft, in seiner Fähigkeit, aus kleinen Mitteln viel zu machen, ist Kim nur von sehr wenigen zu übertreffen. Aber bei aller Schönheit verblasst "Bin jip" dann doch viel schneller, als Kims frühere Filme. Und wenn die Figuren wieder gar poetisch schweigen, dann keimt der Verdacht, dass es sich der Regisseur doch etwas zu einfach gemacht hat, dass er seine Originalität für den Erfolg beim westlichen Publikum verkauft und Kunsthandwerk produziert hat - freilich auf äußerst hohem Niveau.

(In München: Isabella, Atelier, Arena i.O.)

"Bin jip"

mit Lee Seung-Yeon, Jae Hee

Regie: Kim Ki-duk

Annehmbar

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