Politische Brisanz

- "Deep Throat" ist so oder so ein wichtiges Stück Kulturgeschichte. Der Film (Regie führte damals Gerard Damiano) mit dem besten Bilanzergebnisse der Geschichte - 1972 für nur 25 000 Dollar produziert, spielte er 600 Millionen ein - provozierte einen Kulturkampf, der in den 70er-Jahren die US-amerikanische Nation spaltete. In der von Watergate, Vietnamkrieg, sexueller Revolution und kultureller Verunsicherung aufgeheizten Landschaft der 60er-Jahre wurde aus dem weder originellen noch besonders inspirierenden Pornofilm ein Phänomen. Durch ihn wurden solche Streifen mit einem Mal Tagesgespräch und damit gesellschaftsfähig.

Gerade das reizte die prüden Konservativen, die "christliche Rechte" blies zum Sturm gegen den Film. Vor allem die Hauptdarsteller Linda Lovelace und Harry Reems wurden Opfer scheinheiliger Entrüstung: Reems wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil er in einem Film mitgespielt hatte, der offiziell erlaubt in den Kinos gezeigt wurde. Bürgerrechtler liefen, unterstützt von Hollywoodstars wie Warren Beatty und Jack Nicholson, erfolgreich Sturm dagegen. All das machte aus dem banalen Sexstück ein Politikum.

Rund eine Viertelmillion Zuschauer (darunter viele Frauen) hatten den Film gesehen, bevor 1973 die Vorführungsstätte per Gerichtsbescheid geschlossen wurde. Den Gewinn strich dann vor allem die Mafia ein. In ihrer faszinierenden Dokumentation erzählen die beiden Regisseure Randy Barbato und Fenton Bailey diese unglaubliche Geschichte, die komplexen Bezüge des Films und sein Nachwirken bis heute. Es ist nicht nur eine Geschichte über Kunst und Pornografie, sondern auch über die Frauenbewegung, Politik, Verschwörung, über Watergate, organisiertes Verbrechen und die Industrialisierung.

Facettenreiches Sittengemälde

Das Resultat ist ein mit viel Archivbildern und Interviewausschnitten gespicktes, facettenreiches Sittengemälde. Suggestiv und witzig, mitunter ein wenig oberflächlich und unkonzentriert und tendenziell etwas zu flott in der Machart ist "Inside Deep Throat" so informativ wie unterhaltsam; gerade auch für ein jüngeres Publikum ansprechend und ein wichtiger Einblick ins politische Klima der 70er. In den Verbindungen von rechten Fundamentalisten, politischen Interessen in höchsten Regierungskreisen und allgemeiner gesellschaftlicher Verlogenheit ist der Film überdies auch überraschend aktuell.

(In München: Leopold, City.)

"Inside Deep Throat"

Regie: Fenton Bailey,

Randy Barbato

Sehenswert

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