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„Report München“ (BR, mit Claudia Schick) ist gut aufgestellt – obwohl es am heiklen Montag läuft.

Politmagazine am Scheideweg

München - Seit 50 Jahren zeigt die ARD Politmagazine. Doch haben sie auch eine Zukunft? Wie wirkt es sich aus, wenn die unterschiedlichen regionalen Farben betont werden? Und was folgt aus der Tatsache, dass manche Magazine deutlich stärker sind als andere?

Nächstes Jahr wird „Panorama" 50 Jahre alt. Es ist damit das dienstälteste politische Magazin im deutschen Fernsehen. Aber wenn man es ganz genau nimmt, feiert „Report München" schon heuer Jubiläum: 1960 startete die ARD „Anno", das zwei Jahre drauf in „Report" umbenannt wurde (und später in „Report München"). Fünf Jahrzehnte später hat sich die Medienlandschaft komplett verändert. Als „Anno" auf Sendung ging, gab es noch nicht mal das ZDF; von kommerzieller Konkurrenz ganz zu schweigen.

Zeit, dass sich was dreht? Eher nicht. Plaudert man mit Redakteuren der Klassiker, nehmen die Gespräche irgendwann unvermeidlich nostalgische Züge an. Das beginnt mit dem Pullover von Klaus Bednarz („Monitor") und endet mit Anekdoten wie jener, als Claus Hinrich Casdorff und Rudolf Rohlinger 1972 Franz-Josef Strauß in einem „Monitor"-Interview derart ins Kreuzfeuer nahmen, dass der CSU-Chef anschließend mit seinem Wagen in falscher Richtung in eine Einbahnstraße fuhr.

Aber so schön diese Geschichten auch sind: Eine Antwort auf die Frage, ob die Sendungen nicht nur eine große Vergangenheit, sondern auch eine Zukunft haben, geben sie nicht. In den vergangenen Jahren mussten die Magazine zudem immer wieder Federn lassen. Größter Einschnitt war eine kleine ARD-Programmreform 2006. Damals wurden die „Tagesthemen" auf 22.15 Uhr vorgezogen; „Panorama" & Co. mussten auf 15 Minuten ihrer Sendezeit verzichten.

Entscheidenderes Manko aber ist der Sendeplatz. Wer montags auf Sendung muss, hat eindeutig die schlechteren Karten. Ursache ist das insgesamt miserable Abschneiden der ARD am Montag: Wenn RTL „Wer wird Millionär?" ins Quotenrennen schickt, hat das Erste keine Chance. Trotzdem schaffen es die zwei „Report"-Magazine immer wieder, den widrigen Bedingungen zu trotzen. Die Donnerstagsmagazine hingegen profitieren vom starken Vorlauf, weil die ARD um 20.15 Uhr populäre Krimis („Kommissar La Bréa") oder Shows zeigt.

Angesichts der unterschiedlichen Voraussetzungen wird seit geraumer Zeit spekuliert, ob es nicht geschickter wäre, alle Sendungen ähnlich wie die Kulturmagazine („ttt") unter einer Dachmarke zusammenzufassen. Bei den Machern stößt die Anregung allerdings auf wenig Gegenliebe. Für WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn steht ein Einheitsmagazin nicht zur Debatte. Es sei doch gerade das Kapital der ARD, „dass wir mehrere starke Magazin-Marken haben. Die ARD steht für kritische und verlässliche Information. Davon kann es nie genug geben." Um so energischer plädiert er für die Rückkehr zum 45-Minuten-Format: „Die gesellschaftlichen Konflikte nehmen auf allen Feldern zu. Da sind 45 Minuten ‚Monitor' nicht zu viel."

Auch der Bayerische Rundfunk lehnt laut Stephan Keicher, Redaktionsleiter „Report München", alle Überlegungen zu einem Einheitsmagazin ab: „Die jetzige Form der Politmagazine spiegelt den föderalen Aufbau der ARD wider. Diese Pluralität ist in Zeiten einer immer stärkeren publizistischen Konzentration ein großer Wert, der keinesfalls gefährdet werden sollte."

Für MDR-Chefredakteur Wolfgang Kenntemich („Fakt") ist die Entwicklung der ZDF-Konkurrenz „Frontal 21" zudem „der Beleg dafür, dass ein ‚Einheitsmagazin' alles andere als ein Patentrezept ist". Die Sendung hat von 2007 bis 2009 über eine halbe Million Zuschauer und 1,5 Prozent der Marktanteile eingebüßt. Bei „ttt" wiederum kann Adrian Peter, Chef vom Dienst bei „Report Mainz", keinen messbar positiven Effekt erkennen. Auch er verweist auf die „höchst differenzierte Programmphilosophie, die aus einer jahrzehntealten Tradition gewachsen ist. Es wäre unrealistisch, so zu tun, als gäbe es diese Unterschiede nicht, und unklug, sie nur aufgrund eines Marketing-Reflexes zu opfern." Das habe nichts mit Marken-Egoismus zu tun, sondern sei eine Frage der Glaubwürdigkeit.

RBB-Programmdirektorin Claudia Nothelle („Kontraste") könnte sich immerhin mit dem Gedanken an eine „gemeinsame Dachmarke, unter der dann die Einzelmarken auftreten könnten", anfreunden. NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz kann sich das gleichfalls vorstellen, gibt aber zu bedenken: Wenn jede Redaktion nur alle sechs Wochen an die Reihe käme, wäre das „für die Schlagkraft eines Magazins und seine investigative Leistung problematisch".

Cichowicz deutet als einziger eine Wahrheit an, die jeder kennt und keiner hören will: „Natürlich ist es von Vorteil, wenn die unterschiedliche regionale Farbe betont wird. Tatsache ist aber auch, dass einige Marken stärker sind als andere." Die unbequeme Konsequenz spricht er nicht aus, aber sie könnte so aussehen: Die ARD verzichtet auf die ebenso quoten- wie markenschwachen Magazine „Kontraste" und „Fakt" und konzentriert sich auf „Panorama", „Monitor" und „Report".

Doch das wird so bald nicht passieren. Also müssen die Redaktionen versuchen, junge Zuschauer anzusprechen; bei dieser Zielgruppe zählen die Meriten der Vergangenheit gar nichts. Dass man sie trotzdem erreichen kann, zeigen etwa die großen Zugriffszahlen verschiedener Magazinbeiträge beim Internetportal You Tube. Es gibt also noch Hoffnung.

Tilmann P. Gangloff

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