Der Pomp der Renaissance

- Venedig im 16. Jahrhundert. Gondeln, Händler, religiöse Eiferer, fanatische Prediger. Menschenmenge auf der Rialtobrücke. Ein Jude ins Wasser geschmissen. Er trug keine rote Kopfbedeckung, wozu er verpflichtet gewesen wäre; hatte sich heimlich unter die christliche Meute gemischt, die kein Erbarmen kennt. Ein großes Sittengemälde.

<P>Mühsam zwängt sich ein Mann durch die Menge. Es ist Shylock, der reiche Jude, der Geldverleiher, der Vater der schönen Jessica, die in einen Christenlümmel verliebt ist und sich von ihm entführen lässt. Demütig erträgt Shylock es, dass ihm auf dem Nachhauseweg die ehrbaren Venezianer ins Gesicht spucken.</P><P>Dann sehen wir ihn in seinem "Reich", im Getto der Stadt, beim großen Essen, beim Schlachten, beim Handeln auf dem Markt.<BR>Ganz realistisch will Regisseur Michael Radford die Tragödie William Shakespeares, "Der Kaufmann von Venedig", in Filmbilder verwandeln. Denn die Geschichte vom Rache übenden Shylock ist so wahnsinnig, anrührend und schockierend, dass er wohl glaubte, sie auch einem Massenpublikum zugänglich machen zu müssen.</P><P>So erzählt sein Film einerseits brav das Theaterstück nach: wie Antonio, der Kaufmann von Venedig, beim Juden Shylock Geld leiht; wie der, als der Kaufmann nicht rechtzeitig zurückzahlen kann, sich maßlos rächen will für alle ihm und seinem Volk angetane Schmach; und wie er schließlich durch die kühle Schlauheit der reichen Portia (Lynn Collins) am Ende wieder zum gedemütigten, beraubten, armen, rechtlosen, zwangschristianisierten Juden wird.</P><P>Andererseits vertraut Radford nicht der Strenge der dramatischen Form. Vielmehr glaubt er, die Handlung aufpeppen zu müssen durch Genrebilder, Lagunenstimmung, üppigen Naturalismus. Unter so viel historisierendem Pomp kommt ihm aber die eigentliche Story abhanden, geht ihm trotz großem Schauspieler-Aufgebot die Vielschichtigkeit der Figuren verloren. Al Pacino ist ein nobler, in schöner Tragik sich gefallender, ziemlich langweiliger Shylock. Joseph Fiennes bleibt als von Antonio wie von Portia geliebter Bassanio weit hinter seinen Möglichkeiten.</P><P>Der Einzige, der so interessant ist wie die Shakespeare-Figur, die er zu spielen hat, ist Jeremy Irons: ein müder, fast abgeklärter Antonio, ausgebrannt vor Erregung, Liebe, Angst. Sehr modern. In diesem Gesicht ist alles möglich. Auch Verachtung. Und am Ende der entsetzliche Triumph über den Juden.</P><P>Eines zeigt der Film exemplarisch: Diese Story braucht nicht die scheinbare Renaissance-Authentizität, um zu wirken. Der Film ist da gut, wo er Shakespeare pur, wo er Theater ist - in der Gerichtsszene. Und darüber hinaus immer dann, wenn Jeremy Irons mit der Präsenz eines Bühnenstars zum Anwalt Shakespeares wird.</P><P>"Der Kaufmann von Venedig"<BR>mit Al Pacino, Jeremy Irons, Joseph<BR>Finnes, Lynn Collins<BR>Regie: Michael Radford<BR>Annehmbar </P>

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