Porträt eines Vergewaltigers

- Ein Film über einen Serienvergewaltiger kann nicht angenehm sein. Und wenn er es wäre, spräche das eher gegen ihn. Weil "Der freie Wille" von Matthias Glasner nie in diese Gefahr kommt und mit seinem Thema in großen Teilen sensibel, oft klug und jedenfalls in ernstzunehmender Weise umgeht, ist er aller Beachtung wert, auch dort, wo er Kontroversen geradezu provoziert.

"Der freie Wille" ist das leider immer noch zu seltene Beispiel eines deutschen Films, der auch ästhetisch seinem Sujet gewachsen ist, der also nicht nur ein wichtiges Thema behandelt oder moralisch korrekte Haltungen reproduziert, sondern sich auch um einen dem Thema angemessenen filmischen Ausdruck bemüht.

Taten werden nicht verniedlicht

Zunächst begleitet der Film Theo (Jürgen Vogel). Er ist eine unberechenbare Person, deren innere Anspannung sich jederzeit entladen kann. Wenige Minuten später vergewaltigt Theo eine Frau. Der eigentliche Film setzt Jahre später ein. Nach Verbüßung seiner Haftstrafe wird Theo unter strengen Auflagen entlassen. Er versucht, sich wieder ins Leben einzugewöhnen, seinen Trieb zu beherrschen. Schnell ist klar: Theos Fantasien kreisen weiterhin um Vergewaltigung.

Hier kommt nun Nettie ins Spiel (großartig: Sabine Timoteo), die Tochter von Theos Chef (Manfred Zapatka). Weil Theo und Nettie sich begegnen werden, muss verständlich sein, warum Theo und sie ein Paar werden können: Er ist schüchtern und verklemmt, sie unter schroffer Maske extrem verletzlich. Eine Weile scheint ein Happy End möglich. Doch dann wird Theo rückfällig und gesteht dies Nettie.

Im dritten Teil forscht sie Theos Vorgeschichte nach und versucht, ihn zu verstehen. Am Ende treffen sich beide noch einmal . . .

Die Stärken von Glasners Inszenierung sind ein distanzierter Blick, die Zurückhaltung, durch die er der Versuchung nicht nachgibt, alles auszusprechen und Schwarz-Weiß zu malen, sowie Humanität. Glasner versteht es, uns einen Täter als Menschen näherzubringen, ohne dessen Taten zu verniedlichen. Dass er Moral besitzt, auch wo er unmoralisch handelt, macht ihn menschlich.

Unsere mit Abscheu gemischte Faszination für diese Figur liegt gerade darin, dass in Theo beides verschmilzt: Bestie und Mensch.

Die Schwächen des Films zeigen sich in manchen geschmacklosen Szenen und im Spiel des männlichen Hauptdarstellers/ Co-Autors/ Co-Produzenten. Jürgen Vogel hat viel Herzblut hineingesteckt, aber er präsentiert das überdeutlich. Schwerer wiegt, dass "Der freie Wille" immer wieder ins Erklären und Psychologisieren abrutscht. Das lenkt von der wichtigen und provozierenden Grundfrage ab: Wie frei ist unser Wille? Und inwieweit können Triebtäter kuriert werden?

Glasners Antwort auf diese Frage ist doppelt reaktionär: Sie können es nicht, antwortet er schlicht, und stellt sich damit auf jene heute modische Seite der Forschung, die einer Biologisierung von Geist und Wille das Wort redet. Die Gene sind quasi alles, die menschliche Freiheit nahezu nichts. Darüber hinaus bringt sich Glasners Theo am Ende um und vollzieht damit gewissermaßen die Todesstrafe. Damit schafft der Film das Problem, das er aufwarf, wieder aus der Welt - und vernichtet seine größte Leistung, uns das nähergebracht zu haben, was wir fürchten. Die künstlerische Leistung schmälert das aber kaum. (Ab morgen in München: Arena.)

Rüdiger Suchsland

"Der freie Wille"

mit Jürgen Vogel,

Manfred Zapatka

Regie: Matthias Glasner

Sehenswert

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