Die Rache des Alteuropäers

- "Remember, remember the fifth of november" - die Erinnerung an die "Pulververschwörung" von 1605 ist in England volkstümlich - zum Beispiel in diesem Gedicht, mit dessen ersten Zeilen der Film beginnt. Damals versuchte man, den absolutistischen Stuart-König James I. mitsamt dem Londoner Parlament in die Luft zu jagen.

Man kann in den Tätern, wie dies ja bis heute oft der Fall ist, Freiheitskämpfer und ebenso Terroristen sehen. Sie waren zugleich überzeugte Republikaner wie katholische Fundamentalisten. Die Einsicht in solche Relativität der Perspektiven, die Überzeugung, dass es über fast alles mehr als nur eine Wahrheit und jedenfalls sehr verschiedene Ansichten gibt, ist eine der vielen Stärken von "V wie Vendetta".

Endlich einmal ein Actionfilm, der - es handelt sich um eine britisch-deutsche Koproduktion, die größtenteils in Babelsberg gedreht wurde - nicht aus Amerika stammt und keine Hollywood-Werte predigt. Vielmehr ist er von einem angenehmen, wohl typisch britischen Skeptizismus durchzogen. Das tut weder der Unterhaltungsqualität noch der Professionalität Abbruch.

Ein einziger Genuss

Angesiedelt ist "V wie Vendetta" in naher Zukunft. Um das Jahr 2020 hat sich die Welt verändert: Die USA sind zerfallen, dafür regiert in Großbritannien eine christlich-fundamentalistische Diktatur alter Männer das  Land. Die Bevölkerung wird durch gleichgeschaltete TV-Sender permanent indoktriniert. Homosexualität ist verboten. Es gibt "Schwarze Listen" untersagter Dinge, auf denen sich der Koran ebenso findet wie Peter Tschaikowskys "1812"-Ouvertüre und die Bilder von Robert Mapplethorpe. Klar ist, dass die Macher mit alldem auch unsere Gegenwart kritisieren: die Zustände in den USA und den "Krieg gegen den Terror".

Gegen den Gottesstaat kämpft ein maskierter, degenbewaffneter Freiheitskämpfer (Hugo Weaving), den von Zorro vor allem unterscheidet, dass er statt mit Z mit V unterzeichnet. V, so nennt er sich selbst, ist ein geschmackvoller Alteuropäer, der gern französisch spricht, alte Romane, Philosophie, klassische Musik liebt und permanent Shakespeare zitiert. Unzweideutig sind hier auch Anspielungen auf Dumas' "Der Graf von Monte Christo".

Und wie Edmond Dantes hat auch V eine dunkle, verborgene Seite: In die Menschen- und Freiheitsliebe dieses Wohltäters mischt sich die Sehnsucht nach Rache an den Menschen, die sein altes Leben zerstörten. Eines Tages rettet V in einer nebeligen Londoner Nacht ein junges, elternloses Mädchen vor den Häschern der Diktatur. Und wie das dann so ist, wird sie eine Art Ersatztochter, die den Freiheitskampf vollendet, zugleich aber auch V von seinem Trauma befreit.

"V wie Vendetta" ist das Regie-Debüt von James McTeigue, der schnell und souverän inszeniert, mit Gefühl für Timing und voller Bezüge zu Klassikern, vor allem zu den Masseninszenierungen Eisensteins. Das Script stammt von den "Matrix"-Schöpfern Andy und Larry Wachowski; die Vorlage hierfür ist der Erwachsenen-Kult-Comic von Alan Moore. Nicht zuletzt aber ist der auch sonst mit John Hurt und Stephen Fry exzellent besetzte "V wie Vendetta" der Film Natalie Portmans, die hier als Mädchen, das zu früh erwachsen wurde, alle Erwartungen bestätigt, die man schon vorher in sie setzen durfte.

Schon lange hat man im Kino keine so angenehm leichte, geschmackvolle und gleichzeitig kluge Action gesehen. Ein einziger Genuss. (In München: Mathäser, Marmorhaus, Maxx, Cinema i. O.)

"V wie Vendetta" mit Natalie Portman, Hugo Weaving; Stephen Fry. Regie: James McTeigue

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