Ein Racheengel auf dem Weg durch New York

- Man kennt dergleichen aus dem Hollywood der 70er-Jahre, als allerlei "schmutzige" Filme von dort kamen, Clint Eastwood den "Dirty Harry" gab und Charles Bronson "rot sah". Zuletzt hatte die Rache vor allem im Fernost-Kino Konjunktur. Seit dem 11. September 2001 war es nur eine Frage der Zeit, bis die Rache ins Kino des Westens zurückkommen würde. Schon in Tarantinos "Kill Bill" und jetzt in dem Thriller "Die Fremde in dir" hat sie die Gestalt einer Frau.

Es überrascht nicht, dass ein solcher Film ausgerechnet vom Iren Neil Jordan gedreht wird, der sich schon öfter für die Folgen traumatischer Erlebnisse interessiert hat. Aber es überrascht, was er aus dem Thema macht. "Die Fremde in dir" lebt von Jodie Foster, dem unangefochtenen Star des Films. Sie spielt Erica, eine New Yorker Radiomoderatorin, die mit ihrem Verlobten im Central Park Opfer eines Überfalls wird. Ihr Freund stirbt, sie überlebt, ist jedoch emotional schwer verletzt. Um sich sicherer zu fühlen, kauft sie eine Pistole. Doch statt nur zur Verteidigung zu dienen, wird diese bald zum Mordwerkzeug - von der Presse wird sie als "Racheengel" gefeiert, sich selbst wird sie immer fremder.

Bis zum Ende hat der Film eine doppelbödige Position: Einerseits zeigt er, dass der Rachetrieb einen Menschen innerlich zerstören kann. Anderseits nimmt er klar Partei für die Hauptfigur, die am Ende - im Gegensatz zum strikten Hollywood-Moralkodex - nicht getötet wird, sondern mit ihrer Schuld leben muss.

Keine Frage: Erica steht symbolisch für das in der Wirklichkeit traumatisierte New York, das von katastrophalen Ereignissen grundlegend verändert wurde. Nicht zufällig wird die Hauptfigur ausdrücklich als Liberale vorgestellt, die im Verlauf nicht nur moralische, sondern auch politische Werte über Bord wirft. Man kann "Die Fremde in dir" doppelt verstehen: als Reflexion über die Folgen von Gewalt und als Propaganda für Rache, die auch ästhetisch - Ericas Opfer sind hässlich und böse - suggeriert, dass manche Menschen eben nichts Besseres verdient haben als den Tod. Ein Einblick in die amerikanische Psyche also. Nur gibt es Filme - etwa zuletzt Brian DePalmas Venedig-Preisträger "Redacted" ­, denen das weitaus aufregender gelingt. (In München: Mathäser, Maxx, Royal, Leopold, Cinema OV.) rüdiger Suchsland

"Die Fremde in dir"

mit Jodie Foster, Terrence Howard Regie: Neil Jordan

Annehmbar

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