Rätselhafte Reise zwischen Wunsch und Wahn

"Inland Empire": - Ein dunkelhaariges Mädchen sitzt in einer Hotelsuite und sieht fern. Eine Träne fließt aus ihrem Auge. Eine andere Frau, blond und nicht mehr ganz jung, empfängt in der riesigen Eingangshalle ihres Hauses eine ältere Frau, offenbar ihre neue Nachbarin. Der Butler bringt Kaffee. Bald wendet sich die Plauderei der Älteren ins Unangenehme.

Offenbar weiß sie viel zu viel über das Leben ihrer Gastgeberin, ungebeten beginnt sie, dieses zu kommentieren und spricht mit osteuropäischem Akzent bedrohliche Prophezeihungen aus - eine Hexe möglicherweise.

Mit diesen rätselhaften Szenen, wie sie für David Lynchs Kino typisch sind, beginnt der Film: Beklemmend und dabei voller Verführungskraft reißen sie den Betrachter hinein in den privaten, einmaligen Kosmos dieses bahnbrechenden Künstlers. Wie in fast allen Lynch-Filmen steht auch diesmal im Zentrum eine Frau in Schwierigkeiten. Es ist Nikki (Laura Dern), eine einst erfolgreiche Schauspielerin, die der Film auf einer Reise zwischen Albtraum und Idylle, Wunsch und Wahn begleitet. Unter einem berühmten Regisseur (Jeremy Irons) verkörpert Nikki eine Ehebrecherin. Zudem gibt es eine mysteriöse Vorgeschichte: Der Film ist das Remake eines Skripts, dessen frühere Verfilmung durch den Tod der beiden Hauptdarsteller abgebrochen wurde. Nikki wird eins mit ihrer Rolle...

Was Wirklichkeit und was Traum, was Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft ist, wird, wie oft bei Lynch, für den Zuschauer zunehmend ununterscheidbar. Lynch geht es nicht um Geschichten im herkömmlichen Verständnis. Er benutzt die Mittel des Erzählkinos nur noch, um dieses ad absurdum zu führen. Immer wieder führt er dem Betrachter die Illusion als das Wesen der Kunst vor Augen. "Inland Empire" öffnet sich zu einem Reflexionsraum über das Kino, handelt von der Gewalt, die durch Mythen produziert wird, und von den Mythen der Gewalt. Das Werk schildert Hollywood als Hölle.

Leitmotiv ist die Gewalt gegen Frauen. Wichtiger als jeder Inhalt sind hier aber Stil und Methode des Films. Im Gegensatz zu Regisseuren, die ihr Kino als Sinnstiftung und Harmonisierungsunternehmen begreifen, die Zuschauer zu integrieren suchen, will Lynch das Gegenteil: Er möchte verunsichern, Sinnangebote infrage stellen, Dissonanzen und Disharmonien erzeugen, Wahrnehmung multiplizieren, Betrachter verstören.

Seine wichtigste Zielgruppe ist auch hier die bürgerliche Mitte der Gesellschaft mit ihrem Sicherheitswahn und ihren unterdrückten Seiten, ihrem Konservatismus und latenten Puritanismen, einer Doppelmoral, die Gewalt und Sexualität verdrängt.

David Lynch bewegt sich weg von seinen letzten, eher klassisch erzählten Filmen, zurück zu den frühen 90ern, als er mit "Wild at Heart" und der erfolgreichen TV-Serie "Twin Peaks" auf den Spuren der Gebrüder Grimm wandelte. Alles ist aus den Fugen. Zu sehen, wie ihm diese Einheit aus moderner Mythologie und surrealem Endzeitszenario einmal mehr gelingt, ist faszinierend. (In München: Leopold, City, Atlantis, Museum i.O., Cinema i.O.)

"Inland Empire"

mit Laura Dern, Jeremy Irons

Regie: David Lynch

Hervorragend *****

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