Am Rande der Hölle

- Eine Märchen-Situation: Kinder wandern allein durch die Berge. Was anfangs komische, beinahe heiter-burleske Züge trägt, eskaliert: Im Märchen sind es Hexen und böse Zauberer, die die Idylle (zer-)stören, in Bahman Ghobadis Film "Schildkröten können fliegen" sind es die entfesselten Geister des Krieges. Verdient gewann der Film 2004 beim Filmfestival im spanischen San Sebastian den Hauptpreis. Angesiedelt im Grenzgebiet zwischen der Türkei und dem Irak, das in den Köpfen mancher Kurden als "Kurdistan" ein eigener Staat werden soll, erzählt der Regisseur, der bereits für seinen Erstling "Zeit der trunkenen Pferde" viel Aufmerksamkeit bekam, von kurdischen Waisenkindern unmittelbar vor der amerikanischen Irak-Invasion.

<P class=MsoNormal>Die Schrecken von Bürgerkrieg und Landminen kennen sie allerdings schon lange. Denn seit Jahren leben sie, ohne fließendes Wasser, Medikamente oder Schule, drangsaliert von Saddam Hussein, verraten von den Amerikanern bereits 1991, in einem Flüchtlingslager. Sie leben wie der 13-jährige Soran vom "Organisieren" des Lebensnotwendigen oder wie die meisten vom Entschärfen von Landminen, die sie dann verkaufen. </P><P class=MsoNormal>Ghobadi gelingt ein sehr bewegender Film über Menschen am Rande der Hölle. Ohne je aufdringlich zu sein, vielmehr über weite Strecken dokumentarisch-kühl ist "Schildkröten können fliegen" emotional dicht und seiner Mittel jederzeit sicher - ein gelungenes Beispiel dafür, wie sich moralisch-politische Botschaften auf die Leinwand bringen lassen. </P><P class=MsoNormal>Bei Ghobadis Film handelt es sich nicht um moralisches Erbauungskino, das den Zuschauer einlullt, sondern um eine erschütternde Erzählung, die ihn aufgewühlt und voller Fragen zurücklässt - zweifellos die produktivere Erfahrung. Wunderbar verbindet der Film tiefe Einblicke mit Humor. Seine Stärken sind die Kinder-Darsteller (alle ohne Schauspielerfahrung) und ein Ende, das so hart wie subtil ist. Politisch wird der Film gerade dadurch, dass er Abstraktionen und Ansichten Gesichter gibt und es sich nicht zu einfach macht. Denn die Amerikaner sind diesmal nicht die Bad Guys. Anfangs begrüßt man sie als Befreier, hoffen alle im Lager auf das Ende von Saddams Herrschaft. Als dann - Ghobadi arbeitet mit Dokumentaraufnahmen - die amerikanischen Panzer wirklich einrollen, ist das allerdings für niemanden noch Grund zu Freude. Ein zwingender, sehr guter Film, dem man viele Zuschauer wünscht. (In München: Insel-Kinos.)</P><P class=MsoNormal>"Schildkröten können fliegen"<BR>Regie: Bahman Ghobadi<BR>Hervorragend </P><P class=MsoNormal> </P>

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