Rededuell um Demokratie

- Das Drama findet ausschließlich in einem Zimmer statt. Das verwundert anfangs. Verbindet man doch die studentische Widerstandsbewegung der Weißen Rose vor allem mit der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Dort haben die Geschwister Scholl die Flugblätter gegen das Nazi-Regime den Lichthof hinunter geworfen. Dort wurden sie vom eifrigen Hausmeister auf frischer Tat ertappt und der Gestapo überstellt. Dort existieren heute Gedenktafel und Erinnerungsraum. 62 Jahre ist die Hinrichtung von Hans und Sophie Scholl inzwischen her. Die Weiße Rose ist eine der wenigen zivilen Bewegungen, die gegen die NS-Regierung aufbegehrten.

<P>Zwei Filme gibt es bisher über die Geschichte der Weißen Rose, Percy Adlons "Fünf letzte Tage" und Michael Verhoevens "Die weiße Rose". Beide 1982 entstanden, beide mit Lena Stolze in der Rolle der Sophie Scholl. Nun hat sich Marc Rothemund an den historischen Stoff gewagt. Der Regisseur, Jahrgang 1968, hat sich bisher mit Filmen im Stile von "Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit" oder "Harte Jungs" profiliert und steht der NS-Zeit, wie er in Interviews betonte, gänzlich unbefangen gegenüber. Skepsis war also angebracht, wenn sich ein Experte der gediegenen Schulkomödie der deutschen Widerstandsbewegung im "Dritten Reich" annimmt. Mit zwei Silbernen Berlinale-Bären für Regie und Darstellerin versehen, startet "Sophie Scholl - Die letzten Tage" jetzt in den Kinos. <BR><BR>Gesetz und Gewissen</P><P>Man kann anhand dieser Produktion lernen, dass man mit Pauschalurteilen nicht weit kommt. Denn Rothemund beweist deutlich, wie geschickt und souverän er auch mit einem sehr ernsten, sehr intensiven Stoff umzugehen weiß. Der Titel gibt bereits vor, wo der Schwerpunkt von Rothemunds Variation zur Weißen Rose liegt. Hier dreht sich alles um die letzten Stunden Sophie Scholls. Die Entstehung und die Aktionen der Gruppe, die bei Verhoeven und letztlich auch bei Adlon im Mittelpunkt standen, sind hier nur Marginalien. <BR><BR>Grund für den veränderten Blickwinkel ist zum einen sicherlich das heutzutage deutlich personalisiertere Geschichtsbild. Zum anderen aber auch die bis zum Mauerfall im SED-Parteiarchiv gelagerten und daher lange nicht zugänglichen Gestapo-Vernehmungsprotokolle. Rothemund und sein Drehbuchautor Fred Breinersdorfer halten sich eng an diese Dokumente, und so liegt der Schwerpunkt auf den Vernehmungen Sophies durch den Kripobeamten Robert Mohr (Alexander Held).<BR><BR>Ein ruhiges, dichtes, unprätentiöses Kammerspiel ist daraus geworden. Ein Rededuell um Demokratie, Freiheit, Gesetz und Gewissen. Schnitt, Gegenschnitt. Kaum Kamerabewegungen. Fast immer erfolgreich hat Rothemund Pathos und Sentimentalität vermieden. Bewusst nüchterne Bilder, klar in der Farbgebung. Alles ist Introspektion, und Julia Jentsch scheint aus jeder Pore den Mut, die Tapferkeit und auch schließlich die Angst zu verströmen, die Sophie Scholl umgab. Mit fester Stimme verweigert sie die lebensrettende goldene Brücke, die ihr Mohr bauen will. Die höchste Verzweiflung zeigt sich bei Jentschs Sophie, als sie ihr bis dahin ordentlich festgestecktes Haar plötzlich löst. Die strenge, bewusst unemotionale Inszenierung, in der kleinste Gesten größte Aussagekraft besitzen, erinnert an Romuald Karmakars "Totmacher". <BR><BR>Der hatte es nur nicht nötig, sein grandioses Drama mit derart vielen christlichen, letztlich doch störenden Märtyrer-Parallelen anzureichern: So wäscht sich Mohr nach Sophies Hinrichtung wie Pontius Pilatus die Hände, alle paar Minuten erfolgt ein Blick aufs Kreuz. Das hätte es nicht gebraucht, um der Tat von Sophie Scholl und ihren Mitstreitern Bedeutung zu verleihen. <BR><BR>(In München: Mathäser, Maxx, Royal, Arri, Münchner Freiheit, City, Rio, Cinema, Kino Solln).<BR><BR>"Sophie Scholl - Die letzten Tage"<BR>mit Julia Jentsch, Alexander Held<BR>Regie: Marc Rothemund<BR>Hervorragend</P>

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