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Sammelte schon viele Preise für „Precious“: Lee Daniels mit der Schauspielerin Gabourey Sidibe – hier beim Filmfest in San Sebastian.

Regisseur Lee Daniels: „Es hat mich völlig umgeblasen“

Als Produzent von „Monster’s Ball“ verhalf er Halle Berry zu Oscar-Ruhm. Nun macht Lee Daniels als Regisseur Furore: Sein herzzerreißendes Drama „Precious“, das am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt, begeistert das Publikum auf der ganzen Welt und hat bereits unzählige Preise gewonnen – darunter zwei Oscars.

Beim Festival von Deauville sprachen wir mit dem 50-jährigen Filmemacher.

-„Precious“ handelt ebenso wie der von Ihnen produzierte Film „The Woodsman“ von Kindesmissbrauch. Haben Sie selbst als Bub einschlägige Erfahrungen gemacht?

Ich persönlich bin als Kind nur massiv verprügelt und nicht vergewaltigt worden. Aber ich habe schockierende Dinge gesehen. Als ich elf war, klingelte beispielsweise ein sechsjähriges Mädchen aus meiner Nachbarschaft bei uns. Ich öffnete die Tür, und sie stand komplett nackt vor mir, blutend, verheult und voller blauer Flecken; sie bedeckte zitternd ihre Scham und schluchzte: „Meine Mutter wird mich umbringen!“ Es hat mich damals total fertiggemacht, dass dieses arme Mädchen wieder zurück in ihr schreckliches Elternhaus musste – für solche Kinder gab und gibt es in den USA leider kein Schutznetz.

-Wie kamen Sie auf den Roman „Push“, auf dem „Precious“ basiert?

Meine Cousine gab mir das Buch während der Dreharbeiten zu „Monster’s Ball“. Es hat mich völlig umgeblasen – wie ein Tsunami! Ich rief sofort Sapphire, die Autorin, wegen der Filmrechte an. Sie wollte aber gar nicht, dass ihr Roman verfilmt wird. Fast zehn Jahre lang habe ich sie genervt, bis sie mir schließlich grünes Licht gab.

-Wie haben Sie es geschafft, aus dieser prügelharten, deprimierenden Vorlage einen so optimistischen Film zu machen?

Das war in der Tat eine riesige Herausforderung, denn das Buch ist sehr, sehr finster. Mein Film sollte dagegen eher eine Achterbahn der Gefühle sein, in der man zugleich weinen und lachen kann. Ich finde, nur durch Gelächter wird der Schmerz überhaupt erträglich. Also habe ich jede Gelegenheit für Humor genutzt und alle Schauspieler dazu ermutigt, witzige Sprüche und Situationskomik einzubauen.

-Und Sie haben das düstere Geschehen durch Traumsequenzen aufgehellt.

Ja, es war mir sehr wichtig, zu zeigen, wie die Titelfigur in Gedanken immer wieder in eine rosige, glamouröse Fantasiewelt flüchtet. Ich kenne das von mir selbst: Wenn ich als Kind etwas Schlimmes erlebt hatte, dann habe ich mich in einen Prinzen mit silberner Krone verwandelt, der andere mit seinem Zepter zum Ritter schlagen konnte.

-War es schwer, die Komikerin Mo’Nique dazu zu bringen, in „Precious“ ein wahres Monster zu verkörpern?

Nein, denn sie ist zufällig meine beste Freundin und hat schon in meinem Regiedebüt „Shadowboxer“ eine wichtige Rolle gespielt. Wir vertrauen einander und verstehen uns blind – die Arbeit mit ihr ist das reinste Vergnügen: Zwischen den Szenen haben wir am Set ständig gelacht, gesungen, getanzt und Witze gerissen, um die Atmosphäre aufzulockern.

-Lenny Kravitz gibt in Ihrem Film sein Schauspieldebüt als Krankenpfleger, und Mariah Carey ist ungeschminkt kaum zu erkennen als erschöpfte Sozialarbeiterin. Wie kamen Sie auf die beiden?

Ganz einfach: Auch sie sind gute Freunde von mir. Beide haben sexuellen Missbrauch erlebt und sofort begriffen, worum es mir ging. Und sie haben auf ihre Gage verzichtet. Für Mariah war es anfangs hart, als ich sagte: „Make-up kannst du vergessen – wir müssen dich hässlicher machen!“ Sie ist ein echtes Glamour-Girl und schläft wahrscheinlich sogar in High Heels. Aber letztlich fand sie es extrem befreiend, und sie hat für einige magische Momente gesorgt.

-Und wie kam es, dass Oprah Winfrey, Amerikas erfolgreichste Talkmasterin, Ihren Film so massiv unterstützt hat? Sind Sie mit ihr auch befreundet?

Nein. Aber sie ist selbst vergewaltigt und mit 13 ungewollt schwanger geworden. Ich schickte ihr meinen Film, denn ich dachte, sie würde ihn verstehen.

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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