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„Paradiesisch“: Regisseur Roland Emmerich.

Emmerich: Ich habe mich jeden Tag gefreut wie ein kleines Kind

München - Roland Emmerich wird am Donnerstag 56 Jahre alt. Deshalb und anlässlich seines neuen Shakespears-Thrillers "Anonymus" hat er dem Münchner Merkur ein Interview gegeben. Darin spricht er über die Begeisterung für seine Arbeit und Sparsamkeit.

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Am Donnerstag vor genau 56 Jahren wurde Roland Emmerich in Sindelfingen geboren. Längst hat er sich mit Kinohits wie „The Day After Tomorrow“ oder „2012“ in Hollywood als Spezialist für Katastrophenfilme etabliert. Nun überrascht er mit seinem im Studio Babelsberg gedrehten Shakespeare-Thriller „Anonymus“. Zum Interview erscheint er in zerrissenen Jeans, aber mit Sakko und Krawatte. Er antwortet in einem sympathischen Mischmasch aus schwäbischem Singsang und amerikanischem Slang.

Kannten Sie Shakespeare bereits aus der Schule?

Nein. Unser Englischlehrer hat es nicht gewagt, uns Shakespeare vorzusetzen, und in Deutsch haben wir natürlich nur Goethe, Schiller & Co. durchgenommen. Ich selbst war schon als Jugendlicher eine totale Leseratte und habe von Thomas Mann bis Dostojewski alles verschlungen. Meine Mutter sagte immer: „Magst du nicht mal rausgehen und mit den anderen spielen?“ Ich habe mich aber nicht für Fußball interessiert, sondern für Literatur. Nur von Shakespeare hatte ich keine Ahnung. Erst als ich das faszinierende Drehbuch zu „Anonymus“ in die Finger bekam, begann ich, mich intensiv mit seinen Stücken zu beschäftigen.

Was hat Sie an dem Drehbuch denn so fasziniert?

Ich habe mich in die Geschichte verliebt, weil es hier im Kern um die Frage geht, ob das Wort mächtiger ist als das Schwert. Ich fand die Idee bestechend, dass der Autor der Shakespeare-Stücke seine Kunst für politische Zwecke einsetzen wollte: dass er seine historischen Dramen geschrieben hat, um etwas über die damalige Gegenwart auszusagen.

Was sagen Sie zu den heftigen Reaktionen, die Ihr Film in England ausgelöst hat?

Die begrüße ich sehr. Ich habe immer gesagt, dass Kunst provozieren sollte. In erster Linie wollte ich einfach eine spannende Geschichte erzählen – aber wenn ich die Leute dadurch auch noch aufrütteln und zu Diskussionen anregen kann, umso besser!

War es ungewohnt für Sie, dass in diesem Film nicht die Spezialeffekte im Vordergrund standen, sondern die Schauspieler?

Es war paradiesisch! Bei großen Action-Filmen ist ja im Prinzip alles schon vorher festgelegt – sie zu drehen, ist reine Fleißarbeit. Langweilig! Wenn du aber mit großartigen Schauspielern lange Dialogszenen drehen darfst, dann passiert vor deinen Augen ein Feuerwerk. Darum habe ich mich bei „Anonymus“ jeden Tag wie ein kleines Kind gefreut, wenn ich zum Set gefahren bin.

Sie haben trotzdem nicht auf Spezialeffekte verzichtet…

Klar, sonst wäre es ja auch kein Film von mir! Mein Ehrgeiz war es, zu beweisen, dass man auch mit geringem Budget einen historischen Film groß aussehen lassen kann. Ich wollte kein Kammerspiel inszenieren, sondern auch die Stadt London zeigen – und zwar so, wie sie damals aussah. Historische Genauigkeit war mir wichtig, auch bei den Interieurs. Wenn man „Elizabeth“ mit Cate Blanchett sieht, könnte man ja meinen, die Königin hätte ständig in Kirchen gelebt. Jener Film wurde nur in Kirchen gedreht, weil es billiger ist – und weil man für elisabethanische Häuser wegen der empfindlichen Wandbehänge keine Drehgenehmigung bekommt.

Und wie haben Sie das so preiswert hingekriegt?

Im Studio Babelsberg, mit Hilfe eines ausgeklügelten Modulsystems. Wir hatten hohe, halbhohe und niedrige Wände, die sich wie Bauklötze kombinieren ließen, so dass wir mit wenigen Wänden endlos viele Sets bauen konnten. Dasselbe Prinzip habe ich übrigens schon vor gut 20 Jahren bei „Moon 44“ benutzt, dem letzten Film, den ich in Deutschland drehte, bevor ich nach Hollywood ging. Damals filmten wir allerdings nicht in einem Studio, sondern in der Fabrikhalle einer Textilfirma, die bankrottgegangen war.

Sie hatten schon immer den Ruf, ein sparsamer Schwabe zu sein.

Aber so sparsam bin ich gar nicht. Fragen Sie mal meine Mutter – die sagt immer: „Wie ist es möglich, dass mein Sohn auf so großem Fuß lebt?“ Meine Eltern waren irre sparsam, meine Schwester ist es auch. Ich weiß wirklich nicht, was bei mir schiefgelaufen ist!

Interview: Marco Schmidt

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