Im Reich der aufgehenden Sonne

- In grelle Farben explodiert die Welt. Die Gefühle materialisieren sich, Götter in Wildschwein-, Wolfs- oder Hirschgestalt sind die mächtigen Herren dieser Zeit. Sie hausen gemeinsam mit zahllosen kleinen kauzigen Baumkobolden in dunklen Wäldern, während die Menschen sich ums Überleben mühen und in harter Arbeit der Natur ihren Teil abtrotzen. "Mononoke Hime" ("Prinzessin Mononoke") ist großes Spektakelkino und gleichzeitig ein fein ziseliertes Poem.

Die Filme des Zeichners Hiyao Miazaki, der in den 70er-Jahren durch die Kinder-TV-Serie "Heidi" auch in Deutschland bekannt wurde, haben der hierzulande noch immer oft übersehenen Gattung der Anime genannten japanischen Zeichentrickfilme zu einem ungemeinen Popularitätsschub verholfen. "Prinzessin Mononoke" ist ein Epos mit universellem Anspruch und doch unverwechselbar japanisch.Gemeinsam mit diesem Film ist ein zweiter von Miyazake zu sehen, "Chihiros Reise", eine Art "Alice im Wunderland", der vor drei Jahren die Berlinale gewann. Beide laufen als Teil des "Japan-Specials" des Filmfests im neu geschaffenen "Jugendfilmfest", einer Sektion, die gleichermaßen für ältere Kinder (FSK-Freigabe ab 12) und Erwachsene gedacht ist."Sonatine" - ein frühes Werk des Enfant terrible der Regie44 Filme aus einem einzigen Land - das hat es in dieser Form beim Filmfest und auch auf anderen Festivals noch nicht gegeben. Man kann also im Reich der aufgehenden Sonne versinken, kann eintauchen in  die  lakonischen,  konzentrierten Filme von Keisuke Kinoshita (1912-1998), einem selbst in seinem Heimatland nicht sonderlich bekannten Regisseur, der die meisten seiner Filme in den 40ern und 50ern drehte und dessen Stil dem großen Kino-Metaphysiker Ozu am meisten verpflichtet ist. 1951 drehte Kinoshita mit "Carmen kehrt heim" den ersten japanischen Farbfilm.So ziemlich das Gegenteil ist der 49-jährige Kiyoshi Kurosawa, nicht zu verwechseln mit seinem großen Namensvetter Akira: Gemeinsam mit diesem hat er allerdings die Liebe zum US-Kino, vor allem zu den Western Sam Peckinpahs. Er ist vielleicht der interessanteste unter den Gästen des diesjährigen Filmfests. Immerhin war er schon einmal in Cannes für die Goldene Palme nominiert. Seine Filme sind Genrespiele: Detektivgeschichten, Melodramen über eine junge Frau, in deren Bekanntenkreis es zu einer Selbstmordserie kommt ("Pulse") oder surreale Fantasie-Montagen wie "Die Augen der Spinne" und "Der Weg der Schlange" - ebenso bestechend wie verstörend in ihrer Form.Nicht versäumen sollte man "Hidden Blade", den neuesten Film des Altmeisters Yoshi Yamada. Der sicherste Tipp - und der vielleicht schönste Film von allen - ist aber "Sonatine" von Takeshi Kitano. Ein frühes Werk des berühmten Enfant terrible der Regie, entstanden vor "Hana-Bi", mit dem Kitano 1999 in Venedig gewann.Am wichtigsten sind aber die Filme, die man nicht kennt und die man nur auf Festivals entdecken kann: Titel wie "Als Mensch zugelassen", "The Milkwoman" und "Tokyo Lullaby" sprechen für sich. Verlockendes, geheimnisvolles Japan - acht Tage nun in München.

Am 28. 6. um 11. 30 Uhr gibt es ein öffentliches Gespräch mit Kiyoshi Kurosawa. Am 29. 6. um 20 Uhr sprechen sieben Regisseure und Experten über "Der Japanische Film zwischen Tradition und Moderne".

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