Religion und Terror

- Es beginnt mit einer Hochzeit. Die Musik klingt traditionell, fast archaisch, der Raum ist dunkel und rotgelb das Licht. Ein Priester spielt verzückt seine Lieder, und für einen Moment glaubt man der Wärme, die hier die Oberfläche der Verhältnisse prägt. Doch kurz darauf platzt der dünne Firnis, wird unterdrückte Sexualität sichtbar, die auch im Antlitz des Priesters liegt: Noch während der Feier kommt es zu einer Vergewaltigung auf dem Dachboden. Der Täter gehört zur Familie des Pfarrers, und sein Opfer will nicht schweigen.

<P>Wie Peter Mullan diesen Anfang und die folgenden Minuten zum Auftakt seiner Geschichte erzählt, gehört zum Stärksten, was im letzten Jahr im Kino zu sehen war: Der Ton bleibt weg, man sieht nur die Gesichter, weiß nicht, wer in welcher Beziehung zu wem steht, hört nicht, was geredet wird, kann es nur ahnen. In dieser ganz anderen Form von Aufmerksamkeit inmitten völliger Verwirrung und Unübersichtlichkeit ist bereits zu spüren: Alles wird unter den Teppich gekehrt werden.</P><P>Der Film "Die unbarmherzigen Schwestern" ("The Magdalene Sisters"), mit dem der als Schauspieler bekannte Schotte Peter Mullan in Venedig den Goldenen Löwen gewann, handelt von den irischen Magdalene-Convents, in denen junge Frauen bis in die 90er-Jahre hinein gefangen gehalten wurden, jenseits aller Grund- und Menschenrechte - ein katholisches Zuchthaus. Beschrieben wird das Schicksal dreier Mädchen, die in den 60ern über Jahre ohne Gerichtsurteil inhaftiert waren: eine junge Waise, weil sie "zu hübsch" fürs Waisenhaus war, eine ledige Mutter und eben jenes junge Vergewaltigungsopfer.</P><P>Das Schockierendste an der insgesamt unglaublichen Geschichte ist, dass sie in allen Einzelheiten wahr ist. Nach dem Beginn, der vom Verschwinden der Mädchen im Konvent erzählt, von der Gewalt der Väter und vom allgemeinen Unter-den-Teppich-Kehren, verliert sich der Film mitunter etwas in der allzu detaillierten Beschreibung des Alltags: Man begegnet dem sadistischen Terror der Nonnen, dem Leiden der Insassen, von denen manche halbirr werden. Ein Abgrund an kirchlicher Unmoral bis zur glücklichen Flucht der drei nach mehreren Jahren.</P><P>Neben allen historischen Fakten und moralischer Empörung bleibt diese Geschichte bis heute auch politisch brisant: Die Proteste des Vatikan gegen die Preisverleihung und die Tatsache, dass die Institution in Irland bis vor wenigen Jahren weiterexistieren konnte, belegen die Aktualität dieser Verbindung von Katholizismus, Gewalt und Demütigung. Hier will kein "Gutmenschenkino" die Schlachten der Vergangenheit noch einmal gewinnen. Darüber hinaus spielt Mullan unverhüllt auch auf zeitgenössische Fundamentalismen, auf die Nähe von Religion und Terror an. Er zeigt, dass diese keineswegs dem islamischen Kulturkreis vorbehalten ist, nennt die Dinge engagiert beim Namen: Unterdrückung von Frauen, Intoleranz und Rechtlosigkeit sind keine "kulturelle Besonderheit", wie manche es gern verniedlichen, sondern ein Verbrechen. (In München: Arri, Atelier, Museum i. O.)</P><P>"Die unbarmherzigen Schwestern"<BR>mit Geraldine McEwan, Dorothy Duffy, Eileen Walsh<BR>Regie: Peter Mullan<BR>Hervorragend </P><P><BR> </P>

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