Revolte in der Traumfabrik

- Es war der Einbruch der Wirklichkeit in die Traumfabrik: "New Hollywood", das US-Kino in jener Epoche zwischen 1967 und 1980, Thema der Berlinale-Retrospektive, ist von großer Aktualität, ein Kino, das aus der ökonomischen Krise geboren wurde und die Filmkunst neu erfand. Alles begann 1967. Nach Jahren des Misserfolgs standen die Studios vor der Pleite, auch die Ideen gingen aus. Am Rande des Zusammenbruchs setzte die Industrie auf diejenigen, die ihre natürlichen Feinde waren, auf die Außenseiter unter den Regisseuren und Autoren, auf europäisch geprägte Filmemacher und Kameraleute, auf Stoffe, Figuren und Bilder, die nur ein paar Jahre früher nicht die Zensur passiert hätten.

"Bonnie and Clyde" (1967) von Arthur Penn und "Easy Rider" (1969) von Dennis Hopper wurden Überraschungserfolge, die Hollywood von Grund auf umkrempelten. Plötzlich tummelten sich auf der Leinwand neue Gesichter, und hinter der Kamera standen junge Wunderkinder wie Peter Bogdanovich, Francis Ford Coppola, Brian DePalma, John Cassavetes. Verschärft wurde der künstlerische Aufbruch durch die Politik: Kennedy-Morde und Vietnam-Krieg, Aufruhr in den westlichen Gesellschaften - das Kino reflektiert hier auch den sozialen Umbruch, ist eine Schule in Pessimismus.<BR><BR>In den folgenden Jahren gab es zwei parallele Bewegungen. Einerseits definierte man das Genrekino neu: Krimis, Western und Horror erzählten andere Geschichten, und die alten in anderer Weise. Andererseits gingen die Filme nach innen, unternahmen tiefschürfend-geniale Seelenanalysen. "Reifeprüfung" von Mike Nicholls, "Last Picture Show" von Bogdanovich und Terence Malicks wunderbarer "Badlands", der noch viel anarchischer ist als "Bonnie and Clyde", dekonstruieren Familie als Zentrum aller Träume von stabiler Werteordnung, einer Moral, die auf Versöhnung mit den Verhältnissen zielt. Solchen Hoffnungen wird der Spiegel der inneren Gewalt dieser Verhältnisse vorgehalten. Hier werden die Gefühle und Beziehungen der Menschen durch Kamerabewegungen und die Dynamik der Montage mobilisiert.<BR><BR>Oft kann man klare Brüche mit den Erzählkonventionen beobachten: Beliebt sind Achsensprünge und der subjektive Kamerablick. Das Gemeinsame ist eine Desorientierung. Der Blick des Zuschauers soll seinen Halt verlieren, mit der Haltlosigkeit und richtungslosen Mobilität der Figuren verschmelzen. Manchmal kam beides zusammen: Genre und Analyse des Mythos' Amerika. In Coppolas "Paten" und "Apokalypse Now", aber auch in William Friedkins "French Connection" und "Der Exorzist" war dies der Fall: Familienwerte verschmolzen mit Mafia-Ethos, die öffentliche Paranoia der Watergate-Zeit zog in die Privatsphäre ein, das Böse hauste im Vertrautesten. Die dichteste Verbindung zwischen Korruption und Moral, Zwang und Freiheit, Ratio und Wahnsinn begegnet einem in der von Gene Hackman gespielten Hauptfigur "Fench Connection": Der ruhelose Polizist Doyle ist Jäger und Gejagter, er zerstört sich in dem Moment, indem er sich auch neu erschafft - der abgebrühtere, aber letztlich auch verzweifeltere Bruder von Captain Willard aus "Apokalypse Now". Und wie der Dschungel wird auch New York abstrakt, zur graphischen Fläche, auf der wir von Doyle (und er von sich) am Ende nur noch ein zersplittertes Bild übrig behalten.<BR><BR>Ab etwa 1975 veränderte sich alles: Der Sommer der Anarchie war vorüber, die Produzenten gewannen wieder die Übermacht. Die Epoche der Blockbuster begann, Spielberg drehte "E.T.", und George Lucas setzte mit "Star Wars" New Hollywood den Grabstein. Das alte Hollywood aber war endgültig verschwunden.

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