Nie richtig gelebt

- Was soll man mit einem anonymen Brief anfangen, in dem man die Existenz eines erwachsenen Sohnes mitgeteilt bekommt? Don Johnston (Bill Murray) weiß es in "Broken Flowers" zunächst auch nicht so recht. Aber weil er ohnehin nichts Besseres vorhat und auf seine alten Tage in einer fundamentalen Sinnkrise dümpelt, beschließt er, sich auf die Suche zu machen.

Das Problem ist nur, dass mehrere Damen als potenzielle Mutter in Frage kommen. Also klappert Johnston, ein notorischer Frauenheld, die vier Ex-Freundinnen ab, um herauszufinden, welche von ihnen einen Sohn im passenden Alter hat. Unter anderem Sharon Stone und Jessica Lange bekommen so die Gelegenheit zu fulminanten Auftritten. Überraschendes tut sich, wenn etwa ein radikales Hippie-Mädchen von einst längst ein lähmend langweiliges Leben als Immobilienmaklerin führt oder eine an sich bodenständige Frau mittlerweile bevorzugt mit Tieren kommuniziert.

Jim Jarmusch, der große Subversive der US-Filmindustrie, nutzt "Broken Flowers" als Vehikel, um mit gewohnter Lakonie in die amerikanische Provinz einzutauchen, in das Herz seiner Heimat. Leicht skurril, aber auch erstaunlich wohlwollend wirft Jarmusch einen Blick auf jene Generation, die einst angetreten war, alles besser oder wenigstens anders zu machen, nur um dann irgendwann doch vom Leben eingeholt zu werden.

Jarmusch zeichnet dabei ein wehmütiges und mitunter auch unerbittlich hellsichtiges Porträt seines Jahrgangs. Es ist sozusagen Jarmuschs erstes Alterswerk - der Mann ist nun auch schon 52 und merklich melancholisch gestimmt. In Bill Murray hat er den idealen Protagonisten für seinen filmischen Selbstfindungstrip gefunden. Zurückgenommen bis an die Grenze der Indifferenz schwebt Murray durch die Szenen und stellt bei der Reise in die eigene Vergangenheit irgendwann seltsam ungerührt fest, dass seine gesamte Existenz bis dahin verpfuscht war.

Ein Haufen verblichener Erinnerungen an oberflächliche Beziehungen, mehr ist ihm nicht geblieben. Und das Gefühl, nie so richtig gelebt zu haben, wird immer stärker. Trübsinnig wird er darüber aber nicht, und das ist das Geheimnis des Films: Es geht immer weiter, zum Leben ist es nie zu spät. Am Ende ist man eigenartig gut gelaunt, ohne so recht zu wissen weshalb. Das Leben ist eine seltsame Geschichte.

(In München: Mathäser, Filmcasino, City, Atlantis i.O.)

"Broken Flowers"

mit Bill Murray, Sharon Stone

Regie: Jim Jarmusch

Hervorragend

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