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"Eine emotional verkrüppelte Frau": Rosalie Thomass (28) als Alex.

Münchner Schauspielerin als herbe Taxlerin

Rosalie Thomass im Interview: "Letztlich sind alle total einsam"

München - Die Münchner Schauspielerin Rosalie Thomass ist in ihrem neuen Film "Taxi" als herbe Taxlerin zu erleben: das Interview.

Der Durchbruch kam schon mit 19: Für ihre Hauptrolle in Dominik Grafs „Polizeiruf 110“-Folge „Er sollte tot“ wurde Rosalie Thomass 2006 mit Preisen überhäuft. Ein Jahr später folgte ihr Kinodebüt mit Marcus H. Rosenmüllers Film „Beste Zeit“ übers Erwachsenwerden. Seitdem war die vielseitige Schauspielerin unter anderem in Komödien wie „Eine ganz heiße Nummer“ und in Dramen wie „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ zu sehen. Wir sprachen mit der 28-jährigen Münchnerin über ihren neuen Kinofilm „Taxi“ nach dem Roman von Karen Duve, der an diesem Donnerstag anläuft.

In einem früheren Interview haben Sie gesagt, dass Sie die Rolle der taffen Taxlerin Alex unbedingt spielen wollten. Warum?

Thomass: Weil das eine äußerst ungewöhnliche Frauenfigur ist: ruppig, planlos, eine Art weiblicher „Herr Lehmann“ mit extremen Bindungsängsten. Alex hat noch nicht gelernt, Nähe auszuhalten. Eine emotional verkrüppelte Frau, deren raue Schale sie vor Verletzungen schützen soll – dabei ist sie eigentlich weich und zart und bräuchte viel Liebe. Sie pflegt eine sehr moderne Lebenshaltung.

Inwiefern?

Thomass: Vielen jungen Menschen ist es heute wahnsinnig wichtig, frei und unabhängig zu sein. Sie wollen sich nicht auf eine Beziehung einlassen, weil sie sich dann für ein bestimmtes Leben entscheiden müssten. Sie glauben, sie könnten alles mitnehmen – doch in Wahrheit verpassen sie gerade dadurch sehr viel: Geborgenheit, Sicherheit, Liebe. Und letztlich sind sie alle total einsam.

Roman- und Drehbuchautorin Karen Duwe hat in „Taxi“ ihre langjährige Berufserfahrung verarbeitet. Haben Sie auch mal als Taxifahrerin gejobbt?

Thomass: Nein. Zu Beginn meiner Laufbahn, mit 16, habe ich in einem Bioladen gejobbt – an der Kasse und an der Brottheke, immer freitags nach der Schule und zweimal im Monat samstags. Das habe ich sehr genossen. Aber ich kann es auch gut verstehen, dass jemand gern Taxi fährt: Du bist die meiste Zeit alleine und darfst selbst entscheiden, wen du mitnimmst – dein Wagen ist wie eine fahrende Trutzburg.

Was war Ihr bisher skurrilstes Taxi-Erlebnis?

Thomass: Ich hatte mal einen Taxifahrer, der sah nicht nur so aus wie Helge Schneider, er sprach auch so und bewegte sich so wie er. Ich dachte schon, ich wäre in einer neuen Fernsehserie namens „Promis fahren Taxi – ob’s wohl einer merkt?“ In der Regel stelle ich Taxifahrern ganz viele Fragen, denn die meisten haben spannende Geschichten zu erzählen. Am liebsten würde ich mal als Mäuslein hinten in einem Taxi mitfahren.

Fahren Sie selbst auch gern Auto?

Thomass: Sehr gern sogar. Früher war ich immer mit Carsharing unterwegs, aber seit acht Monaten habe ich ein eigenes Auto – eine uralte kleine Rennsemmel, die mir ein Kumpel quasi für umsonst überlassen hat. Die fahre ich jetzt so lange, bis sie den Geist aufgibt. Dann schauen wir weiter.

Wie war es, mit „Game of Thrones“-Star Peter Dinklage zu drehen?

Thomass: Sehr angenehm. Peter ist ein sensibler Kollege, wach, umgänglich und ein aufmerksamer Beobachter. Unsere Liebesszenen waren ja durchaus nicht ohne. Insofern war es wichtig, offen miteinander reden und gemeinsam lachen zu können – und stets darauf zu achten, ob das, was wir tun, auch für den anderen in Ordnung ist. Es war sicher auch von Vorteil, dass wir uns schon lange vorher kennengelernt hatten.

Bei welcher Gelegenheit?

Thomass: Als Peter sein Interesse an dem Drehbuch signalisiert hatte, sind Regisseurin Kerstin Ahlrichs und ich in die USA geflogen. Wir trafen uns mit Peter in einem Vorort von New York: Er lebt dort mit seiner Familie und konnte wegen seiner Tochter nicht weg. In einem Studentencafé hat er uns zu einem Quinoa-Salat eingeladen. Es war sehr lustig. Wir haben uns gut verstanden, und ich habe ihm erzählt, wie ich die Beziehung unserer beiden Filmfiguren sehe.

Das ist ja eine ziemlich verrückte Beziehung – schon allein wegen des Größenunterschiedes: Sie sind 1,78 Meter groß, er nur 1,35…

Thomass: Ja, aber der Film zeichnet nur ein überspitztes Bild dessen, was viele Menschen in Beziehungsprozessen durchleben. Wegen ihrer Bindungsängste sucht Alex sich zielsicher Typen, die ihr emotional nicht gefährlich werden. Doch dann trifft diese Frau auf einen Mann, der zwar physisch viel kleiner ist als sie, aber der erste, der ihr psychologisch auf Augenhöhe begegnet, sie wirklich herausfordert und berührt. Das Problem ist: Alex will gar nicht berührt werden, weil sie damit nicht umgehen kann.

Darum stößt sie ihn mit barschen Bemerkungen von sich.

Thomass: Stimmt. Und er denkt natürlich: „Alex findet mich bestimmt zu klein und hässlich und schämt sich an meiner Seite.“ Das stimmt aber gar nicht! Und genau das steht vielen von uns im Weg: dass wir denken, der oder die andere findet uns zu klein oder zu groß oder zu fett oder zu dürr oder zu albern oder zu doof und so weiter. Letztlich kann man richtige Liebe nur erfahren, wenn man sich selbst mag und sagt: „Okay, manchmal bin ich vielleicht ein bisschen zu sehr dieses und jenes, aber ich bin trotzdem liebenswert!“

Etwas, das Alex erst noch lernen muss.

Thomass: Genau. Es wäre schön, wenn es mehr solche lebensechten Frauenfiguren im Kino gäbe: Frauen, die nicht bloß lieb, süß, sympathisch und sexy sein müssen, sondern denen man menschliche Schwächen zugesteht. Frauen, die anecken und Fehler machen und die man als Zuschauer trotzdem liebenswert findet. Solche Figuren sind leider nach wie vor selten – da geht noch eine ganze Menge!

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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