Rose mit Schleierkraut

- In seinem letzten Film "Taking Sides" hat István Szabó die Geschichte des Dirigenten Wilhelm Furtwängler inszeniert. Ganz wie man es von einem politischen Filmemacher gewohnt ist: aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, Parteinahme vermeidend, dennoch Emotionen schürend. Frühere Arbeiten des Ungarn sind in ganz ähnlichem Stil inszeniert. An "Mephisto", "Hanussen" oder "Oberst Redl" war nicht nur stets Klaus Maria Brandauer als Hauptdarsteller beteiligt - sogar die Ausleuchtung glich sich von Film zu Film.

<P>Nun wagte sich Szab´ an seine fast schon unpolitischste, privateste Geschichte seit "Zauber der Venus". Damals ging es mit Glenn Close als Operndiva um die Schwierigkeiten einer Tannhäuser-Inszenierung in Paris. Diesmal steht das Theater im Mittelpunkt. Und direkt daneben Annette Bening als alternder britischer Bühnenstar der Dreißigerjahre. Bening spielt Julia Lambert, eine Grande Dame in der Midlife Crisis. Vom Gatten (Jeremy Irons) nur noch als Bühnenpartnerin wahrgenommen, wendet sie sich dem jungen Amerikaner Tom zu, der sie umschwärmt. Die Schäferstündchen benötigt Julia, um ihr vom Leben verschrammtes Ego wieder aufzupolieren. Wirkliches Interesse an Tom hat sie nicht. Als ihr jedoch die mehr ehrgeizige als talentierte Nachwuchsschauspielerin Avice sowohl den Mann als auch den Liebhaber abspenstig macht, fährt Julia die rot lackierten Krallen einer echten Lady aus.<BR><BR>"Alle lieben Julia" lebt von soliden Darstellerleistungen. Szabo´s Inszenierung ist eher klassisch oder konventionell gedehnt, man könnte auch sagen: langweilig. Das mag alles auch nur ein Stilmittel sein, um den funkelnden Esprit Annette Benings deutlicher herauszustreichen. Sie ist die einzelne Rose im Bouquet, umgeben von unscheinbarem, bedeutungslosem Schleierkraut. </P><P>(In München: Filmcasino, Eldorado, Tivoli, Kino Solln, Atlantis i.O., Cinema i.O.)<BR><BR>"Alle lieben Julia"<BR>mit Annette Bening, Jeremy Irons<BR>Regie: Istvá´n Szabó´<BR>Annehmbar </P><P> </P><P> </P>

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