Die Rückkehr des Pinsels

- München - Wer vor dem Showdown im "Herr der Ringe - Die Rückkehr des Königs" beklommen die düsteren Hügel der Gorgoroth-Ebene betrachtet, auf denen sich Horden von Orks zur letzten Schlacht zusammenrotten, sieht keine Computerwelt - sondern pure Wirklichkeit. In gewisser Weise jedenfalls: Kein Stein, kein Bauwerk besteht aus virtuellem Gepixel. Alles ist echt, oder "handgemacht". Effekt-Profis der neuseeländischen Firma "Weta" haben real nicht vorhandene Teile der Landschaft - samt dem Turm von Cirith Ungul - einfach auf Glas gemalt und vor die Kamera gehalten.

<P>"Pinsel statt Pixel" war oft die Maxime</P><P>Was im ersten Moment wie ein Rückschritt in die Steinzeit des Filmemachens wirkt, wo Pappmache-Monster mit Styroporfelsen werfen, ist bewusst gewählte Technik: Die 158 kreativen Trickser von "Weta", die Tolkiens Welt Mittelerde und seine furchterregenden Wesen verbildlichen, verzichten so oft wie möglich auf den Griff zur Computermaus. </P><P>"Pinsel statt Pixel", heißt die Devise, manifestiert in Miniaturen und kunstvollem Make-Up, mit dem ausdrücklichen Placet von Regisseur Peter Jackson: "Bei den Effekten habe ich dieselbe Ideologie wie beim gesamten Design verfolgt", betont Jackson. "Ich wollte, dass die Monster real wirken, bis zum Dreck unter den Fingernägeln und zu blutunterlaufenen Augen."</P><P>Das wird dem Filmemacher gedankt, von allen Seiten: Weta hat für die Effekte der ersten beiden Teile der über 300 Millionen Dollar teuren Trilogie zwei Oscars eingeheimst und - viel wichtiger - das Publikum überzeugt: "Man denkt, man ist in Mittelerde, sitzt mitten in echten Kämpfen", schwärmt der Münchner Tolkien-Fan Markus Haller nach dem Besuch der Premiere.</P><P>Kein Vergleich offenbar zu den rein rechnergeschaffenen Welten in "Star Wars - Episode 1" oder den seelenlosen Pixel-Kickereien in "Matrix Reloaded". "Da sieht doch alles aus wie Plastik", meint der 27-jährige Filmfan Haller verächtlich.</P><P>Im Gegensatz zum Epos "Herr der Ringe", wo z. B. der zerklüftete Turm des bösen Zauberers Saruman kein Programm ist, sondern ein akribisch detailliertes, 3,5 Meter hohes Modell. Per PC wurden lediglich die grausigen Uruk-hai-Krieger eingefügt.</P><P>Auch viele der anderen Tricks sind möglichst real: So löste man das Problem, dass die Hobbits laut Drehbuch mit 90 Zentimetern viel kleiner sind als die übrigen Personen, mit doppelt gebauten Kulissen. Während sich Gandalf alias Ian McKellen in eine verkleinerte Darstellung der Hütte von Hobbit Frodo zwängen muss, agiert dessen Darsteller Elijah Wood oft auf vergrößert gebauten Schauplätzen.</P><P>Genauso verfuhr man mit Requisiten: von Äpfeln, Stühlen und Schwertern gab es 1:1-Ausführungen für normal gewachsene Personen und XXL-große für die Hobbit-Darsteller. </P><P>Doch bei aller Liebe zum Handwerk: Ein Verzicht auf Computertechnik war unmöglich. Ohne die Digital-Technik wären z. B. gigantische Schlachten mit 250 000 Kriegern nie zu realisieren gewesen. Um jeden einzelnen lebendig wirken zu lassen, hat man den Pixel-Kriegern eine Art künstliche Intelligenz gegeben: "Jeder von ihnen kann sich umsehen, hören und auf seine Umgebung selbständig reagieren", sagt Techniker Jon Labrie. "Mit Schreien, Kämpfen oder Weglaufen."</P><P>Bei dem ringbesessenen, entstellten Hobbit Gollum bemühte man sich mit einer Kombination aus Virtualität und Realität um Lebensechtheit. Der Schauspieler Andy Serkis leiht dem Wesen nicht nur seine Stimme, er spielte auch alle seine Bewegungen. Computer-Profis übertrugen sie dann mit Hilfe eines speziellen Sensoren-Anzuges auf den digitalen Darsteller.</P><P>Zusätzlich filmte man Serkis' Gesicht in allen denkbaren Gefühlsausdrücken und verpflanzte diese auf das Gesicht seines Alter ego. Dadurch ist Gollum "eine der hochentwickeltsten digitalen Kreationen, die man bisher gesehen hat", verspricht Richard Taylor, einer der Weta-Lenker.</P><P>Ein offenbar besseres Rezept als das, nach dem die Konkurrenz von Industrial Light and Magic (ILM) bei der digitalen Nervensäge Jar-Jar Binks in "Star Wars" verfuhr: Dieses komplett am Rechner erschaffene Wesen fiel bei den Fans durch - sein Witz wirkte einfach zu künstlich.</P><P> </P>

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