+
Nina Hoss spielt die unbekannte Frau, Anonyma, im zerstörten Berlin, das von der Roten Armee besetzt ist.

Interview

Die Russen waren ein gutes Alibi

Max Färberböck (58) hat sich mit "Anonyma - Eine Frau in Berlin" an ein Tabu-Thema gewagt.

Die Geschichte einer Frau, die in der Nachkriegszeit eine Beziehung mit einem russischen Offizier beginnt, um sich vor Vergewaltigungen durch andere Rotarmisten zu schützen, beruht auf einer wahren Begebenheit. Der Film mit Nina Hoss in der Hauptrolle startet diesen Donnerstag in den Kinos.

"Anonyma" behandelt ein heißes Eisen. War es schwierig, diesen Film so zu gestalten, wie Sie ihn wollten?

Extrem schwierig. Einerseits sind Filme mit historischen Themen derzeit wahnsinnig beliebt. Aber "Anonyma" war nie als verfilmter Geschichtsunterricht gedacht. Und dann muss man sich schon sehr anstrengen, um dem Thema gerecht zu werden. Es ist schließlich das wahre Schicksal eines echten Menschen. Daraus kann man keine artifizielle historische Seifenoper machen. Deswegen ist die gezeigte Gewalt auch nie spekulativ. Ich wollte keinen Suspense, das widerspräche dem Sinn des Films. Es wäre mir pornografisch vorgekommen zu zeigen, wie eine Frau vergewaltigt wird. Es geht nicht um die Vergewaltigungen, sondern wie die Frauen damit umgehen.

Hat Sie das am Buch gereizt?

Ehrlich gesagt, war ich eher reserviert, als mir das Buch angeboten wurde. Mir war völlig klar, dass man sich mit so einem Film in ein Minenfeld begibt. Viele Freunde haben mich regelrecht beschworen, ihn nicht zu machen. Jeder kann etwas finden, das er mir vorwerfen kann. Die Wirklichkeit ist eine sehr komplexe Angelegenheit, und wenn man einen historischen Stoff bearbeitet, muss man vieles ausblenden, damit die Geschichte funktioniert. Für mindestens eine Seite ist es deswegen immer falsch. Ich habe lange gezögert und gleichzeitig begonnen, mich mit dem Stoff auseinanderzusetzen.

Hat es neue Erkenntnisse für Sie gegeben?

Ja, mir ist aufgefallen, wie fest das Urteil der Deutschen über die Russen ist. Auch bei den Jungen. Sobald es um russische Soldaten im Zweiten Weltkrieg geht, ist sofort eine reservierte Distanz zu spüren. Aber das hat mich dann auch angestachelt. Ich wollte wissen, woher das kommt.

Und, was denken Sie?

Ich glaube, es war ein historischer Vorteil für uns, dass es da auch noch andere gab, die grausame Dinge getan haben. Die Russen waren ein gutes Alibi. Es geht mir nicht darum, die Russen zu verteidigen. Aber die Rote Armee war ein viel komplexeres Gebilde als das Stereotyp, das von ihr existiert. Es überleben immer nur die Klischees. Die Frau, die das Buch geschrieben hat, wollte sie konsequent aus ihrem Leben beseitigen und verstehen, was geschehen ist. Deswegen ist sie rücksichtslos gegen alle, die beteiligt waren. Auch gegen sich selber. Und diese Haltung hat mich inspiriert. Ich habe versucht, die Grausamkeit der Russen zu verstehen und genauso den Hass der Deutschen.

Dennoch gibt es versöhnliche Ansätze.

Es war eben eine außergewöhnliche Situation. Die Russen waren - trotz allem - auch nur Menschen. Gleichzeitig mussten sich die deutschen Frauen damit auseinandersetzen, was ihre Männer an der Front getan hatten. Das war natürlich ein Tabu - das wollte keiner wissen. Die SS war im Grunde schuld an allem.

Die Männer kommen nicht gut weg.

Sie sind im Ansehen ihrer Frauen gesunken, denke ich, und das war für die Frauen wohl sehr bedrückend. Die Frauen haben dafür gesorgt, dass die Familie überlebte, nicht der Mann. Es gab nicht nur Vergewaltigung, sondern auch Prostitution. Es ist ein Verdienst der Autorin, dass sie das schonungslos offenlegt. Das erfordert sehr viel Mut.

Sind die Vergewaltigungen nicht immer noch ein Tabu?

Niemand weiß genau, wie viele Frauen genau vergewaltigt wurden, aber es war eine große Zahl. Und eine betroffene Frau hat das in der Regel niemandem erzählt. Die Männer haben nicht gefragt. Man hat das alte Familienleben wiederaufgenommen und das Thema - das viele persönlich betraf - war logischerweise unerwünscht. Es hätte die Familie gesprengt und die Frauen wollten ihre Männer wieder aufbauen. Also haben sie geschwiegen, weil sie wussten, dass ihre Männer es nicht ertragen hätten.

Es scheint, dass die Frauen mit der Situation tapferer umgingen als die Männer.

Definitiv. Das beschreibt die Frau im Buch sehr gut. "Wir fallen nicht so tief", sagt sie.

Das Gespräch führte Zoran Gojic.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Trailer zu „Why him?“: Nicht gesellschaftsfähig
München - John Hamburgs „Why him?“ variiert fantasielos das Duell Schwiegervater-Schwiegersohn.
Trailer zu „Why him?“: Nicht gesellschaftsfähig
„Hell or High Water“: Kein Land für arme Schlucker
München - „Hell or High Water“ ist ein höllisch unterhaltsames Katz-und-Maus-Spiel im modernen Wilden Westen.
„Hell or High Water“: Kein Land für arme Schlucker
„Bob, der Streuner“: Der Junkie hat einen Kater
München - Roger Spottiswoode verfilmte den Bestseller „Bob, der Streuner“ angenehm kitschfrei.
„Bob, der Streuner“: Der Junkie hat einen Kater
Kritik zum Kinofilm „La La Land“: Hinreißende Liebeserklärung
München - „La La Land“ ist eine gesungene und getanzte Liebeserklärung an das Leben, die Leidenschaft und Los Angeles.
Kritik zum Kinofilm „La La Land“: Hinreißende Liebeserklärung

Kommentare