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Schauspieler Samuel L. Jackson mit Kultregisseur Quentin Tarantino bei der Premiere von "Django Unchained" in Berlin.

Samuel L. Jackson im Interview

Darum geht Tarantino bald in Rente

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Berlin - Seit „Pulp Fiction“ hat Samuel L. Jackson in fast jedem Film von Quentin Tarantino mitgespielt. Im Interview spricht er über den neuesten Film „Django Unchained“ und erzählt, was warum der Kultregisseur Tarantino bald aufhören wird.

Mr. Jackson, man erkennt Sie im Film erst gar nicht…

Gut! So soll’s sein.

Sie spielen Stephen, einen alten Sklaven, der mit seinem Besitzer Calvin Candie gemeinsame Sache macht. Obwohl Stephen ein gebrechlicher Mann ist, fürchten ihn alle. Wie kommt das?

Sklaverei funktionierte durch Angst und Einschüchterung. Es gab zehn Mal mehr Sklaven als Sklavenhalter. Die einzige Möglichkeit, sie unter Kontrolle zu halten, war, ihnen Dinge anzutun, die ihnen Angst einjagten. Weil Calvin Candie, der eigentliche Plantagenbesitzer, mit anderen Dingen beschäftigt ist, schmeißt Stephen den Laden. Er ist der wahre Herr. Stephen hat die Macht, über Leben und Tod zu entscheiden, und er hat keine Angst davor, diese Macht auch zu nutzen. Jeder auf der Plantage weiß das.

Aber das macht ihn zu einem Verräter, oder?

Vielleicht ist er ein Kollaborateur, vielleicht nicht. Sklaverei ist für Stephen der Normalzustand, es gibt sie, seit er am Leben ist. Er ist in einer komfortablen Situation: Er lebt im Haus, isst gut, hat so viel Macht wie kein anderer Sklave auf der Plantage. Aber er ist nicht der einzige, der ein komfortables Leben führt. Auch den Sklaven, die im Haus, in der Küche arbeiten, geht es relativ gut. Die einzigen, denen es wirklich schlecht geht, die verrecken, sind die Sklaven auf den Baumwollfeldern. Nur diese Sklaven verrät Stephen wirklich.

Wie realistisch ist diese Figur, könnte es Stephen wirklich gegeben haben?

Ja, es gab Menschen auf den Plantagen, die so einen Job wie Stephen gemacht haben.

Im vergangenen Jahr haben Sie Martin Luther King im Theater gespielt, jetzt Stephen in „Django Unchained“…

Ja, ich bin vom beliebtesten schwarzen Amerikaner zum wahrscheinlich verabscheutesten geworden. (lacht) Hat Spaß gemacht.

Verändert der Film die Art, wie in Amerika über die Sklaverei gesprochen wird, oder geht es in der Debatte jetzt nur darum, ob man in einem Film „Nigger“ sagen darf?

Das kommt darauf an. Die Mehrheit der Afro-Amerikaner, mit denen ich gesprochen habe, haben den Film zwei, drei, vier Mal gesehen, diskutieren darüber und sind froh, dass dieses Kapitel der Geschichte endlich beleuchtet wird. Diese Diskussion über das Wort „Nigger“ ist völlig überflüssig. In der damaligen Zeit hat man das gesagt, wenn man über einen schwarzen Menschen gesprochen hat. Wenn man einen ehrlichen Film über diese Zeit machen will, muss man auch die Sprache benutzen, die damals gesprochen wurde.

Warum musste ein weißer Regisseur wie Tarantino so einen Film über Sklaverei machen, warum hat kein afro-amerikanischer Regisseur ihn gedreht?

Keine Ahnung. Es gibt ja ein paar andere Filme zu dem Thema. Aber es ist derzeit für jeden anderen Regisseur schwierig, das Geld für so einen Film aufzutreiben. Die Studios produzieren momentan nun mal hauptsächlich Blockbuster-Serien-FIlme. Das ist einfach die Realität des Geschäfts.

Was halten Sie von der Kritik von Regisseur Spike Lee, der gesagt hat, er werde den Film nicht anschauen, weil er nicht der richtige Weg sei, Sklaverei zu thematisieren?

Okay.

Mehr nicht?

Er hat den Film nicht gesehen, er hat nichts über den Film zu sagen. Man kann nicht über Dinge reden, die man gar nicht kennt.

Phasenweise ist „Django Unchained“ einfach ein unterhaltsamer, lustiger Film, auf der anderen Seite gibt es diesen wahnsinnig brutalen realen Hintergrund. Ist es nicht schwierig, diese beiden Teile des Films zusammenzubekommen?

Nun, die Leute zahlen Geld, um in einen großen, dunklen Raum zu gehen und sich unterhalten zu lassen. „Django Unchained“ ist in erster Linie ein unterhaltsamer Film, manchmal lernt man vielleicht auch was. Vielleicht bringt der Film den einen oder anderen dazu, sich mit dem Thema Sklaverei zu beschäftigen. Sklaverei ist die Kulisse des Films, aber eigentlich geht es vor allem um die Brunhilde-Siegfried-Geschichte aus der Nibelungensage. Der Berg ist in diesem Fall eben die Sklaverei und der Drache sind Calvin Candie und Stephen.

"Django Unchained": Bilder von der Berlin-Premiere

Tarantino lässt den Django los: Premiere in Berlin

Was unterscheidet die Dreharbeiten mit Tarantino von denen mit anderen Regisseuren?

Nun, erstens ist Quentin da. (lacht) Zweitens sind keine elektronischen Geräte am Set erlaubt, man darf sein Handy oder sein iPad nicht mitbringen – nichts mit einem Schalter. Deshalb muss man miteinander reden, wenn Quentin „Cut“ ruft. Oder man hört der Musik zu, die immer zwischen den Aufnahmen gespielt wird. Man tanzt und lacht und hat großen Spaß. Quentin bringt einen großartigen Enthusiasmus ans Set. Er mag einfach was er tut, er ist wie ein Kind auf dem Spielplatz. Und das überträgt sich auf jeden am Set. Manchmal sind wir mit einer Einstellung fertig und dann ruft er: „Das war großartig! Nochmal! Und warum?“ Und alle am Set antworten: „Weil wir das Filmemachen lieben!“ Und dann drehen wir alles nochmal. Es ist toll!

Sie haben oft mit Tarantino zusammengearbeitet. Hat er sich über die Jahre verändert?

Er ist noch ziemlich genau der selbe Typ wie bei unserem ersten Film. Er ist immer noch froh, das zu machen, was er macht: Geschichten erzählen und hinter der Kamera arbeiten.

Tarantino hat darüber gesprochen, bald in Rente zu gehen und keine Filme mehr zu drehen. Glauben Sie, dass er das ernst meint?

Ja. Ich glaube, er kennt die Kinogeschichte sehr genau und hat erlebt, wie andere Regisseure den Höhepunkt ihrer Karrieren überschritten haben, Filme gemacht haben, die es nicht wert waren, und so ihre Reputation aufs Spiel gesetzt haben. Und er fürchtet, das irgendwann auch zu erleben. Er will nicht so sein. Er will, dass alle seine Filme auf dem gleichen Level sind, so dass alle großartig waren, wenn er irgendwann sagt, dass er fertig ist. Niemand soll sagen können: "Naja, es gab da diese Phase in seiner Karriere…"

Was wird er danach machen?

An irgendwelchen Unis Film unterrichten. Vor Studenten, die mit offenem Mund da sitzen werden und alles in sich aufsaugen. Die werden ihn lieben!

„Django Unchained“ startet am 17. Januar 2013 in den deutschen Kinos.

Das Interview mit Samuel L. Jackson entstand in einer Gesprächsrunde mit acht Journalisten verschiedener Medien. Für den Münchner Merkur war Philipp Vetter dabei.

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