Sand im Getriebe

- Karl ist ein Überflieger. Frisch von der Uni, Mathematikstudium mit allen erdenklichen Ehren absolviert, und unmittelbar danach auf einem der Chefsessel in einer großen Versicherung. Kein Privatleben, dafür aber in jeder beruflichen Besprechung das letzte Wort, stets mit der notwendigen Arroganz vorgetragen. Der biedere Streber wird von seiner Firma inkognito bei einer Autovermietung eingeschleust, um Unstimmigkeiten in der Abrechnung aufzudecken.

An seinem ersten Arbeitstag als Fahrer und Wagenwäscher kreuzt sich Karls Weg mit dem des extrovertierten Energiebündels Hans (Jürgen Vogel). Der bis zur Verklemmtheit schüchterne Karl (Daniel Brühl) kann sich der plötzlich aufbrechenden Zuneigung des dauerfröhlichen Dampfplauderers nicht erwehren, der ihn erst zu ein paar Autorennen animiert und dann sofort zu seiner neuen Flamme Stelle (Sabine Timoteo) mitschleift.

Es kommt, wie es kommen muss in einem Spielfilm über Männerfreundschaften: Die beiden werden dicke Kumpels und brettern nachts mit oder ohne Oberbekleidung in den Porsches der Firma durch die Gegend. Der emotional recht zurückgebliebene Karl verwandelt sich unter der Obhut des vor Vitalität nur so strotzenden Hans. Doch als schließlich auffliegt, warum Karl eigentlich bei der Autovermietung jobbt, gerät Sand ins Getriebe der Freundschaft. Denn Ehrlichkeit muss schon sein, findet Hans.

Es hat lange gedauert, bis sich Regisseur Sebastian Schipper nach "Absolute Giganten" an ein neues Projekt gewagt hat. Acht Jahre sind seit dem inzwischen zum Kultfilm avancierten Regiedebüt vergangen. Aber Schipper hat die bestechend klare, einfache und immer hübsch mit lakonischem Witz unterfütterte Erzählweise von "Absolute Giganten" nicht verloren. Wirklich neu ist die Geschichte von den ungleichen Freunden nicht, die von den Schwierigkeiten der Selbstfindung beim endgültigen Erwachsenwerden ebenfalls nicht, und die von der Frau zwischen zwei Männern kennt man inzwischen auch zur Genüge. Doch Schipper inszeniert seine Figuren so geschickt, dass sie stets ihre Geheimnisse bewahren können und zugleich unterhaltsam, erfrischend originell, sperrig oder verschroben sein dürfen.

Und der großartige Jürgen Vogel zieht als schillernder Paradiesvogel Hans sämtliche Register seines Könnens. Zwischen dem freudlos vegetierenden Misanthropen und dem Lebenskünstler voller verrückter Ideen lässt Schipper genügend Platz für die Figur der Stewardess Stelle, die von Sabine Timoteo mit sanfter Energie gefüllt wird. So unaufdringlich, aber präzise wie seine Personenführung ist auch Schippers Bildersprache: Die Leere in Karls Leben wird in passend kühlen, immer leicht ausgewaschenen Farben und inmitten moderner Industriearchitektur verdeutlicht; und der Soundtrack der britischen Band Gravenhurst unterstreicht die milde Melancholie, die den gesamten Spielfilm durchweht.

"Ein Freund von mir" ist ein kleines Kunstwerk, denn er ist ebenso hinreißend komisch, geschwätzig, nachdenklich und rundum liebenswert wie ein Freund eben durchaus sein kann. (Ab morgen in München: Mathäser, Maxx, ABC, Atelier, Rio.)

"Ein Freund von mir"

mit Jürgen Vogel, Daniel Brühl, Sabine Timoteo

Regie: Sebastian Schippers

Hervorragend *****

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