Sanfte Kraft der Verzauberung

- Goethe hat es gut. Seinen Namen kennt jedes Schulkind, und wenn es die Lehrer nicht völlig vermasseln, finden der Werther oder Faust auch den einen oder anderen geneigten Leser. Bei den Meistern des Kinos ist das leider nicht selbstverständlich. Den in Frankreich lebenden Georgier Otar Iosseliani beispielsweise kennt kaum ein Kinogänger, obwohl er seit über 30 Jahren zur Spitze der europäischen Kinematografie zählt. Auch sein jüngstes, mit Kritikerpreisen überhäuftes Werk wird daran kaum etwas ändern, obwohl es Iosseliani dem Zuschauer diesmal relativ einfach macht.

<P>Seine Hauptfigur, ein französischer Fabrikarbeiter (Jacques Bidou), bricht aus der Routine seines Alltags aus, lässt Frau, Kinder und Job hinter sich und setzt zu einer langen, insgesamt acht Monate dauernden Reise an. Diese führt ihn zunächst nach Paris, dann weiter nach Venedig, wo er sich mit einem gleichaltrigen Mann anfreundet, schließlich aber doch wieder an seinen angestammten Platz in die Provinz zurückkehrt.</P><P>Eine kreisförmige, vielleicht sogar pessimistische Fabel, könnte man meinen. Doch der skurrile, fast spitzbübische Ton, mit dem Iosseliani in bewährter Manier die Apokalypse konterkariert und sein altmodisch-snobistisches Kunstideal dagegen setzt, ist von einer solchen Leichtigkeit, dass er selbst Misanthropen zum Schmunzeln bringen müsste. Dieser heitere Anflug voller Gelassenheit ist zu einem großen Teil auch dem Kameramann William Lubtchansky geschuldet, dessen fließende Kamera Menschen wie Dinge in ein warmes, weiches Licht hebt. Iosselianis impressionistische Manier, die man pointillistisch nennen könnte, erhält dadurch einen Rahmen, der die Überfülle an Details zu bändigen weiß. "Montag morgen" ist einer jener Filme, bei denen einem leicht die Augen übergehen und der auf seltsame Weise fröhlich macht. Dass er dabei das Hohelied der Freiheit und des Individualismus singt, scheint angesichts seiner sanften Verzauberungskraft fast schon von nachgeordneter Bedeutung. (In München: Theatiner i. O.)</P><P><BR>"Montag morgen"<BR>mit Jacques Bidou<BR>Regie: Otar Iosseliani<BR>Hervorragend </P><P> </P>

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