Scharfe Analyse

- Die 50er-Jahre, gemeinhin als Zeit sozialer Repression charakterisiert, waren auch eine große Zeit der Kunst. Was würde eine Figur wie Truman Capote (1924-1984) heute tun? Wäre sie möglich? Es gibt sie oder einen zeitgemäßen Nachfolger weit und breit nicht, nur ein paar Überlebende jener amerikanischen Literatur-Avantgarde der 50er wie Gore Vidal oder Nell Harper Lee. Sie waren einerseits radikal und mutig, doch handelten ihre Bücher in bemerkenswert direktem, realistischem Ton vom Leben, das alle Menschen kannten. Sie wollten ins Herz der Zeit zielen. Und wo sie experimentierten, war dies kein Selbstzweck.

Das moralische Gewissen

Truman Capotes "Kaltblütig" belegt dies exemplarisch: Fast eine journalistische Reportage, ist dies doch ein brillanter Roman, der sich hineinfrisst ins Innere seiner Hauptfiguren, zweier Mörder, die bei einem Raub im November 1959 eine vierköpfige Familie niedermetzelten. Er rekonstruiert die Tat, das, was zu ihr führte, was auf sie folgte, die Leben der Opfer und Täter.

Darüber hinaus ist "Kaltblütig" auch die scharfe Analyse der US-Südstaaten jener Tage, wo Capote selbst aufwuchs, wo "gute Christen" und Doppelmoral den Ton angaben, auch noch 1960 Schwarze in Bussen hinten sitzen mussten und in manchen Restaurants nicht essen durften. Die absolute Gegenwelt zur liberalen New Yorker Gesellschaft, in der Capote lebte. Was ihn an alldem interessierte, war das Erhaschen jenes Moments, an dem das Provinzamerika seine Unschuld verlor.

Bennett Millers faszinierend-beklemmendes Porträt "Capote", mehrfach für den Oscar nominiert, macht genau das mit dem Autor und seinem berühmtesten Buch, was dieser mit dem Fall und den Mördern tat: Er zeigt den Augenblick des Verlusts der Unschuld und die private Tragöde eines Autors, der sich selbst zerstört. Wie ein Dokumentarist breitet er detailliert Fakten aus, doch deutet er seine Hauptfigur, versucht, sie psychologisch und soziologisch in ihrer Zeit zu verankern und uns damit eine Vorstellung von beidem zu geben. Wie ein Anatom, der einen Kadaver so zu lesen versteht, dass er seine Geschichte erzählen kann.

Dabei ist "Capote" ein zutiefst humaner Film, voller Empathie für den Schriftsteller, der als Person zu seinem Recht kommt und doch zum Fallbeispiel wird: für die Kunst und ihren mitunter hohen Preis; dafür, wie etwas wunderschön sein kann und doch zugleich sehr hässlich.

Das illustriert der Fall von Harper Lee (oscarreif von Catherine Keener gespielt). Die Jugendfreundin wurde durch den Roman "Wer die Nachtigall stört" selbst berühmt. Im Zuge von "Kaltblütig" brach sie mit Capote. Sie ist das moralische Gewissen des Films gegenüber Capote, dem reinen Ästheten und Vampir der Fakten, der alles für seine Kunst und den eigenen Ruhm instrumentalisierte.

(In München: Leopold, City, Tivoli, Cinema i. O., Isabella i. O.)

"Capote"

mit Philip Seymour Hoffman, Catherine Keener

Regie: Bennett Miller

Hervorragend

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