Schatten in der Buntheit

- Wiesn-Fans können in diesem Jahr aufatmen: Ausnahmsweise müssen sie nicht bis zum September warten, um ein wenig Oktoberfest-Stimmung zu genießen, sondern dürfen bereits jetzt ihrer Leidenschaft frönen: Das Filmfest München zeigt die Uraufführung von Johannes Brunners "Oktoberfest". Der 1963 am Bodensee geborene Bildhauer präsentiert damit seinen ersten Spielfilm.

Beim Oktoberfest gibt es kaum ein Dazwischen: Entweder die Menschen lieben oder hassen es. Zu welcher Gruppe gehören Sie?Brunner (lacht): Sagen wir so, ich habe da eine Entwicklung durchgemacht. Als ich nach München gekommen bin, habe ich mit diesem Fest nicht so furchtbar viel anfangen können. Aber wenn man sich darauf einlässt, kann die Faszination für dieses Spektakel jeden packen. Es ist ein Extremerlebnis wie Fasching oder ein großes Fußballspiel, wo sich viele Menschen zusammenfinden, weil sie sich selbst verlieren wollen. Warum haben Sie dann keine Dokumentation über das Oktoberfest gemacht?Brunner: Mir ging es in erster Linie um die Menschen dort, nicht um die Veranstaltung an sich. Der Film spielt am letzten Tag eines unglaublichen Fests. Deswegen sind alle an einem Punkt, an dem etwas zu Ende geht und etwas Neues beginnen muss. Das erzeugt Druck und Spannung - und das ist genau das, was dramatisches Erzählen braucht.Eigentlich sind Sie Bildhauer. Wie ist die Idee zu diesem Spielfilm entstanden? Brunner: Ich habe schon viel im Bereich Video, Kurzfilm und Musiktheater gemacht. Es ist also nicht so, dass ich vom Holz zum Filmemachen komme. Eines meiner Projekte war die Klanginstallation "Aus dem Bauch" (zusammen mit Raimund Ritz, Anm.d.Red.), die an acht Münchner Plätzen in Kanaldeckeln zu hören war. Vor ein paar Jahren habe ich dafür auch Stimmen auf der Wiesn aufgenommen und gemerkt, dass auf dem Oktoberfest vieles nebeneinander geschieht: Menschen weinen, andere lachen, ein Kind geht verloren, die Polizei rennt herum, woanders prügeln sich welche . . . Wie aus Mosaiksteinchen setzt sich da ein Bild zusammen. Und so entstand die Idee zu diesem Episodenfilm. Ich wollte das Gefühl erzeugen: Du drehst Dich um und bist mitten in der nächsten Geschichte. Es war sicher nicht einfach, zwischen Tausenden von Besuchern zu drehen.Brunner: Es war höllisch anstrengend. Aber es hat auch wahnsinnig Spaß gemacht. Und die Schauspieler von Barbara Rudnik bis Peter Lohmeyer, die ja eher "gepamperte" Sets gewohnt sind, haben alle die Chance gesehen: Das ist mal etwas ganz anderes, dieses Umfeld macht etwas mit uns. Denn der Übergang zwischen Film und Realität ist hier fließend. Für die 5000 Leute im Zelt war August Schmölzer tatsächlich der Chef der Wiesnmusik. Und ständig wollte jemand bei Gundi Ellert ins Taxi steigen . . .Hat dieses echte Umfeld nicht manchmal gestört?Brunner: Klar. Die Schauspieler waren oft abgelenkt. Wir haben Szenen abbrechen müssen, weil jemand in die Kamera gewunken hat.Auch das Oktoberfestattentat wird thematisiert.Brunner: Es ging mir darum, in der Buntheit einen Schatten zu haben. Ich konnte nicht nur feiernde, saufende Menschen zeigen. Außerdem jährt sich dieses Attentat heuer zum 25. Mal - und das ist doch eines Gedenkens wert. In München hat der Film ein Heimspiel. Wird er jenseits der bayerischen Grenzen interessieren? Brunner: Darauf bin ich gespannt. Aber auch der Münchner selbst ist für mich ein ganz besonderer Kinobesucher. Denn der ist ja quasi Experte - da bin ich dann wirklich auf dem Prüfstand . . .

Das Gespräch führte Melanie Brandl

Maxx: 27.6. um 19.45 Uhr, 1.7. um 17 Uhr.

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