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Die vielen Facetten des Woody Harrelson: Derzeit ist der Schauspieler in der Titelrolle von „Wilson – Der Weltverbesserer“ in unseren Kinos zu sehen. In „Planet der Affen: Survival“ spielt er von 3. August an einen fiesen Militär. 

„So jemand bringt uns zurück ins Mittelalter“

Schauspieler Woody Harrelson im Interview: „Trump ist ein totaler Narziss“

Er gilt als der schräge Vogel Hollywoods - und brilliert sowohl in Komödie wie Drama: Woody Harrelson. Im Interview zu seinem neuen Film erzählt er von seiner „ekelhaften Ego-Phase“. Und warum er niemals Donald Trump spielen könnte.

Zürich - Vom Serienmörder in „Natural Born Killers“ über den besoffenen Mentor in der „Tribute von Panem“-Trilogie bis zum abgewrackten Ermittler in der Serie „True Detective“: Woody Harrelson gilt als Spezialist für schräge Vögel. Seine erste Oscar-Nominierung bekam der Texaner für die Titelrolle in „Larry Flynt“, seine zweite für die Verkörperung eines traumatisierten Soldaten in „The Messenger“. Derzeit ist er in der Komödie „Wilson“ im Kino zu sehen, ab 3. August als Bösewicht in „Planet der Affen: Survival“. Bei unserem Gespräch beim Filmfestival von Zürich gibt sich der 55-Jährige lässig, aus seinen Augen blitzt eine fast kindliche Begeisterungsfähigkeit, und er redet mit breitem Südstaaten-Akzent: Seine gedehnten Silben schweben durch den Raum wie der Rauch eines Joints.

Was liegt Ihnen mehr – Komödie oder Drama?

Komödie. In jüngster Zeit habe ich zu viele düstere Dramen gedreht – insofern wäre ich nicht unglücklich, wenn ich mich in Zukunft auf Komödien beschränken müsste. Ich hätte auch nichts dagegen, längere Zeit gar nicht zu arbeiten. Im Prinzip bin ich nämlich ein fauler Hund. Ich finde, Arbeiten ist irgendwie gegen meine Natur.

Sie müssen ja vermutlich auch weniger schuften, seitdem Sie einige lukrative Blockbuster gedreht haben.

Stimmt. Gegen „Die Tribute von Panem“ hatte ich mich lange gesträubt, weil ich meine Rolle zu klein fand – bis man mir ein Angebot machte, das ich nicht ablehnen konnte. Heute freue ich mich, wenn ich bei einem Film mitmachen darf, der ein größeres Publikum findet. Deswegen habe ich auch die Rolle in „Planet der Affen: Survival“ angenommen. Da hätte ich zwar lieber einen Affen gespielt, aber jetzt verkörpere ich eben einen durchgeknallten Typen, der gern Affen tötet. Warum nicht?

Haben Sie ein Faible für exzentrische Figuren?

O ja! Solche Rollen machen mir Spaß, weil ich mich dafür nicht sonderlich anstrengen oder verstellen muss. Der Titelheld in „Wilson“ war zum Beispiel ganz nach meinem Geschmack. Er ist sehr kontaktfreudig; er hat nur eine seltsame Art, mit den Leuten zu kommunizieren. Das kann ich gut nachfühlen: Ich bin eigentlich auch ein geselliger Typ, doch sobald ich einen Erwartungsdruck verspüre, besteht die Gefahr, dass ich mich absolut unmöglich verhalte. Etwa, wenn ich meine Tochter zur Schule bringe und dort mit anderen Eltern Konversation treiben soll.

Müssen Sie eine Figur mögen, um sie zu spielen?

Ja, ich muss sie sympathisch finden – oder sie zumindest respektieren können. Ich hatte beispielsweise große Vorbehalte, den Porno-Pionier Larry Flynt darzustellen. Zwar hatte ich in meiner Jugend heimlich diverse Ausgaben seines Männermagazins „Hustler“ durchgeblättert, aber Flynt war in den Medien regelrecht dämonisiert worden, und als man mir die Hauptrolle in dem Biopic über ihn anbot, sagte ich: „Zuerst muss ich mich mit dem Kerl treffen, um herauszufinden, ob ich ihn mag.“

Wie haben Sie ihn erlebt?

Er residierte in einem Haus in Beverly Hills; auf dem Weg zu seinem Büro musste man ein wahres Meer von Jugendstilvasen und Tiffany-Lampen durchqueren. Wäre ich dort gestolpert, hätte ich wohl einen Schaden von drei Millionen Dollar angerichtet. Flynt war mir vom ersten Moment an sympathisch, weil er unfassbar offenherzig war. Schon nach fünf Minuten erzählte er mir, er hätte seine ersten sexuellen Erfahrungen mit einem Huhn gemacht. Wie hätte ich diesen Mann nicht lieben sollen?

In „LBJ“ haben Sie den US-Präsidenten Lyndon B. Johnson verkörpert. Könnten Sie sich vorstellen, Donald Trump zu spielen?

Nein. Dieser Typ hat nichts, das ich auch nur ansatzweise respektieren könnte. Er ist ein totaler Narziss – und damit charakterlich völlig ungeeignet für sein Amt. Jemand, der ständig von Spaltung spricht, Volksgruppen diffamiert und den Klimawandel leugnet, sollte nicht an der Spitze der USA stehen. So jemand bringt uns zurück ins Mittelalter. Aber unser ganzes politisches System ist sowieso völlig korrupt.

Sie haben das Vertrauen in die Politik verloren?

Ich kenne keinen Politiker, der sich je des Vertrauens als würdig erwiesen hätte. Sie haben nur ihre eigenen Interessen im Blick. Anstatt die drängenden sozialen und ökologischen Probleme zu lösen, hat die US-Regierung seit Jahrzehnten bloß Kriege in alle Welt exportiert und der Waffenindustrie Steuermilliarden in den Hintern geschoben. Darum bin ich Anarchist: Politiker und Regierungen halte ich schlichtweg für überflüssig.

Sind Sie beim Dreh ebenfalls ein Anarchist? Oder befolgen Sie manchmal Regieanweisungen?

Sinnvolle Regieanweisungen respektiere ich durchaus. Ich arbeite sowieso nur mit Filmemachern, denen ich vertraue. Allerdings muss ich zugeben, dass ich vor der Kamera gern ein bisschen improvisiere – und dass ich nicht immer vorher um Erlaubnis bitte. Ich liebe es, hier und da eine Prise Humor einzustreuen, damit die Chose nicht zu ernst wird.

Dustin Hoffman hat einmal gesagt: „Der Ruhm verdirbt dich. Unweigerlich!“ Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?

Ja, leider. Ruhm ist extrem schädlich für die Persönlichkeitsentwicklung. Er füttert dein Ego so sehr, dass es dich zu verschlingen droht. Es ist ja ganz nett, wenn dir jeder auf die Schulter klopft und dir sagt, wie großartig du bist. Aber wenn du anfängst, all das zu glauben, dann hast du ein Riesenproblem. So ist es mir ergangen, als ich mit 24 schlagartig berühmt wurde: Ich habe mich an meinem Erfolg berauscht – und mich in ein aufgeblasenes, arrogantes Arschloch verwandelt.

Auf mich wirken Sie eigentlich ganz sympathisch.

Das täuscht! Wenn Sie wüssten. Lernen Sie mich erst mal richtig kennen! (Lacht.)Im Ernst: Dass ich diese ekelhafte Ego-Phase überwinden konnte, ist das Beste, was ich in meinem Leben je geschafft habe. Zum Glück habe ich irgendwann erkannt, dass dieser ganze Ruhm-Quatsch völlig bedeutungslos ist.

Gibt es etwas, das Sie motiviert oder antreibt?

Liebe. Davon habe ich eine Menge in mir. Liebe zu den Menschen allgemein, doch vor allem zu meiner Familie und meinen Freunden. Ja, ich würde sagen: Liebe ist mein wichtigster Motivator. Zugegeben, manchmal auch bloße Wollust!

Das Gespräch führte Marco Schmidt

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