Schlachtenbummler

- "Barry Lyndon", Kubricks Meisterwerk, ist das unübertroffene Vorbild aller "Period Pictures", die bei uns Kostümfilme genannt werden - als hätten die Darsteller in Gegenwartsstücken keine Kostüme an. Der Vergleich ist nötig, weil Mira Nair mit "Vanity Fair" nun auch den zweiten Roman von William M. Thackeray verfilmt hat. Zumindest in einer Szene erreicht sie, was seit Kubrick letzter Anspruch eines Historienfilms sein muss: die Vergangenheit in ihrer Unvertrautheit zu erfassen und sie zugleich zum fernen Spiegel der Gegenwart werden zu lassen.

<P>Im Frühsommer 1815 reisten Teile der britischen Oberschicht ausgelassenster Stimmung nach Belgien, um zuzuschauen, wie das Empire mit Napoleon ein Ende macht. Schlachtenbummler im Wortsinne, erregte Cheerleader des Krieges. Man sieht diese Schickeria tanzen - Thackerays großartiges Wortspiel von der "Bonaparty" -, da zerstört die Wirklichkeit den schönen Schein: Die französische Armee steht vor Brüssel. Panik bricht aus. In wilder Flucht hetzt eine aufgelöste Menge dekadenter Müßiggänger aus der Stadt. Glänzend inszenierte Filmpassagen: Es sind die vergessenen Stunden von Waterloo, in denen Napoleon wie der sichere Sieger aussah. Zugleich erkennen wir, wie zeitgemäß diese Gesellschaft ist: in ihrer Ahnungslosigkeit, ihrer Unfähigkeit, sich vorzustellen, dass alles auch ganz anders sein könnte. <BR><BR>Die Schauspieler gefallen; doch das Drehbuch ist zu wenig fokussiert. An kaum einer Stelle ist der Film so satirisch wie das Buch. Thackerays Anspruch, einen "Roman ohne Held" zu schaffen, ignoriert Nair. Stattdessen versucht sie vergeblich, aus Becky Sharp, in ihrem Scheitern an den Standesverhältnissen eine moderne Frau zu machen. Die Aktualisierung glückt in anderer Hinsicht: Thackeray wurde wie Nair in Kalkutta geboren. Nair zeigt treffend die Alltäglichkeit der indischen Elemente im britischen Leben jener Zeit, die Lebendigkeit in die Klassengesellschaft bringen. Wenn Becky doch ihr Glück findet, auf einem Elefanten durch Indien reitet, dann erscheint Asien als Utopie für ein altersschwaches Europa, als neue Welt voller Aufbruchsgeist. <BR><BR>(Eldorado i. O., Cadillac, ABC.)<BR><BR>"Vanity Fair"<BR>mit Reese Witherspoon, Gabriel Byrne und Bob Hoskins<BR>Regie: Mira Nair<BR>Sehenswert </P><P> </P>

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