Bis zum Schluss im Ungewissen

- Ein frauenfeindlicher Film. Das konnte man mit einigem Recht über "8 Frauen", den größten Erfolg des noch jungen Franç¸ois Ozon, sagen, der von manchen in Frankreich als "neuer Fassbinder" gefeiert wird. Auch in "Swimming Pool" präsentiert er zwei nicht gerade sympathische Figuren: Sarah Morton, eine erfolgreiche Londoner Krimiautorin, ist eine Diva, kalt und launisch. Um einer Schaffenskrise zu entkommen, fährt sie einige Wochen ins französische Ferienhaus ihres Verlegers. Aus der Ruhe wird sie bald durch dessen junge Tochter Julie gerissen, die dort ein paar Tage verbringen will. Julie entpuppt sich als frivol und überdreht, sogar als etwas verrückt - ein verzogenes Gör.

Subtil und geduldig entfaltet Ozon das spannungsreiche Beziehungsgeflecht zwischen diesen beiden komplexen Persönlichkeiten: Sarah ist eine alte Jungfer, gesteht sich ihre heimlichen Gelüste nach Essen, Alkohol, Sex kaum selber ein und blickt verärgert, aber zugleich neidisch auf Julie, die ihre Wünsche immer promt befriedigt. Weil Julie zugleich offenbar weitere Geheimnisse birgt, wird sie für Sarah auch attraktiv: Die Autorin sucht ein Thema für ihren neuen Roman. Heimlich liest sie Julies Tagebuch, beginnt, deren - fiktive? - Geschichte zu schreiben. Die zwei Frauen verstricken sich in ein tödliches Psycho-Duell.<BR><BR>"Swimming Pool" ist ein Kammerspiel, das sich ganz auf seine wunderbaren Darstellerinnen Charlotte Rampling und Ludovine Sagnier konzentriert. Zugleich ist der Film, der offen den Klassiker "La Piscine" des jüngst verstorbenen Jacques Deray zitiert, ein Erotikthriller um das Verhältnis von körperlicher und geistiger Ausbeutung. Auf mehreren Ebenen changiert er zwischen Fantasie und Realität, skizziert Situationen, in denen die verlässlichen Regeln des menschlichen Zusammenlebens für einen langen Augenblick außer Kraft gesetzt scheinen, und hält dabei auch seine Zuschauer bis zum Schluss im Ungewissen.<BR><BR>Stilistisch ist "Swimming Pool" klug gebaut und atmosphärisch dicht. Die Kamera streicht beiläufig über die Szene, belauert die Figuren. Daneben entwickelt Ozon eine kleine Kunsttheorie: Kunst sagt sie, verwandelt die Wirklichkeit, bildet sie nicht ab, sondern nimmt sie als Material, und Künstler selbst sind Diebe und Menschenfresser. Immer wieder erinnert Ozons sanfte Dekonstruktion bürgerlicher Verhältnisse an die Irritation eines Buñuel, die den Blick auf Abgründe frei gibt, die in uns allen schlummern. Und am Ende dieses surrealen Dramas rätselt der Zuschauer, ob er nun einen Roman gesehen oder die Realität mit den Augen einer Autorin gelesen hat. <BR><BR>(In München: Mathäser, Filmcasino, Leopold, City, Kino Solln, Sendlinger Tor, Cinema i. O., Theatiner i. O.)<BR><BR>"Swimming Pool"<BR>mit Charlotte Rampling, Ludovine Sagnier<BR>Regie: François Ozon<BR>Hervorragend

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

M’Barek: Karriere? „War bestimmt auf eine gewisse Art benachteiligt“
Am heutigen Sonntag feierte der letzte Teil von „Fack ju Göhte“ Premiere – Anlässlich dessen blickt Hauptdarsteller Elyas M’Barek zurück und erzählt von seinem …
M’Barek: Karriere? „War bestimmt auf eine gewisse Art benachteiligt“

Kommentare