Bis zur Schmerzgrenze

- Nahezu alles, was bislang an Negativem über "Die Nacht singt ihre Lieder" (nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Jon Fosse) geschrieben wurde, hat seine Berechtigung. Die Szenerie ist so bedrückend wie in den düstersten Bergman-Filmen. Die Sentenzen sind gelegentlich arg bedeutungsschwanger geraten, und auch das Frauenbild des Regisseurs erscheint bedenklich: An der Art, in der Romuald Karmakar seine Hauptdarstellerin Anne Ratte-Polle inszeniert, lässt sich eine eigentümlich anachronistische Sichtweise der Damenwelt ablesen.

<P>Frauen, das sind für ihn offenbar noch die Verhängnis und Tod bringenden Wesen, die nichts anderes wollen, als einen Mann mit ihren berechnend eingesetzten Verführungskünsten zu Grunde zu richten. Letztlich verhält es sich mit Karmakars neuestem Opus ähnlich wie etwa mit Lars von Triers "Dogville" - er spaltet das Publikum in begeisterte Anhänger und erboste Kritiker. Und das ist schließlich immer das Kennzeichen eines außergewöhnlichen Films.</P><P>"Ich halt' das nicht mehr aus", lautet der erste Satz in Karmakars beklemmendem Kammerspiel. Ein junges Paar, gefangen in einer modisch sparsam möblierten Wohnung und spürbar belastet durch ein Baby, reibt sich aneinander auf. Er (gespielt von Frank Giering) schreibt Romane, die niemand lesen will. Sie, frühzeitig verhärmt und vom ereignislosen Dasein als Jungmutter frustriert, sehnt sich nach Abenteuern - mehr aber noch nach einem freundlichen Wort des Partners. Aber der schweigt.</P><P>Mit Worten foltern</P><P>Karmakars Soziogramm einer scheiternden Beziehung spielt ausschließlich in der Wohnung des Pärchens, innerhalb eines Tages und der darauf folgenden Nacht. Die Mechanismen von Selbstzweifel und Selbstzerfleischung sind seit jeher ein zentrales Thema in Karmakars Schaffen, in "Der Totmacher" ebenso wie in "Manila". Hier geht er nun noch einen Schritt weiter: Was Menschen allein mit Worten einander antun können, das wird hier bis zur Schmerzgrenze ausgereizt. Tatsächlich wartet jedoch der eine darauf, dass der andere sich endlich ein Wort der Versöhnung abringt. Passiert aber nicht. Karmakars Filme waren immer anstrengend und nie die richtige Wahl für einen amüsanten Kinoabend.</P><P>Diesmal verstört er noch tiefer, provoziert, quält und fasziniert zugleich. In langen Einstellungen und mit einer starren Kamera, die sich an den nahezu unbewegten Gesichtszügen der Figuren förmlich festsaugt, erzählt Karmakar nur eines: Die Liebe ist eine Illusion, die Hoffnung eine Seifenblase, und beides hat keinen Bestand in unserer Welt der Täuschung, des Betrugs und des desinteressierten Blablas. Karmakar zeigt zwei Menschen in einem Gefängnis aus enttäuschten Erwartungen, bewusst bühnengleich ausgeleuchtet, mit einer durchdacht gestelzten, auf das Wesentliche reduzierten Sprache, mit theaterhaften Wiederholungen der entleerten Phrasen.</P><P>Das Revolutionäre an dem Film ist diese Akkuratesse bezüglich Drehbuch und Bildgestaltung. Nichts hat sich einfach so ergeben. Jeder Schritt der Figuren ist Ergebnis einer langen Überlegung und exakt ausgezirkelt. Es ist eine befremdliche Kino-Erfahrung, dieses sperrige, sorgfältig komponierte Werk _ nicht nur für Freunde des klassischen Hollywood-Kinos mit seinen schwungvollen Kamerafahrten und Schnittorgien. Aber eine, die man sich gönnen sollte. (In München: Münchner Freiheit, Eldorado.)</P><P>"Die Nacht singt ihre Lieder"<BR>mit Anne Ratte-Polle,<BR>Frank Giering, Manfred Zapatka<BR>Regie: Romuald Karmakar<BR>Sehenswert </P>

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