Der Schnitt fürs Gesicht

- Meine Filme entstehen erst im Schneideraum." Esther Gronenborn, ehemals Studentin in München und Regisseurin von "Alaska.de" (2000) spricht aus, was dem Film-Laien nicht unbedingt bekannt ist. "Die Leute machen sich ganz falsche Vorstellungen. Wenn man die wenigen Wochen Dreh mit den Monaten vergleicht, die man danach im Schneideraum verbringt, ist doch klar, welche Zeit wichtiger ist.

<P>Hier bekommt der Film erst das Gesicht." Gronenborn, die gerade ihren zweiten Spielfilm fertig stellt, ist typisch für die allermeisten Film- und Fernsehregisseure, die gleichfalls immer wieder die Bedeutung jener Phase im Schneideraum betonen, in der der Cutter gemeinsam mit dem Regisseur - oder auch ohne ihn - den Film vollendet. Aber was macht eigentlich ein Cutter, wie arbeitet man bei diesem Beruf im Verborgenen? </P><P>Beste Cutterin Deutschlands</P><P>Nur wenige können derartige Fragen so gut beantworten, wie Patricia Rommel. "Der Regisseur ist Vater oder Mutter, ich bin die Lehrerin", sagt die Münchnerin. "Der Film ist schon ein bisschen geformt, jetzt kommt er zu mir, und es kommt noch eine zweite, fremde, sehr strenge Erziehung hinzu." Manche sprechen gar von Co-Regie. "Das würde ich nie sagen. Ich muss mich unterordnen. Der Film ist nicht mein Kind."</P><P>Und spielt damit ihre wichtige Rolle in dem Großprojekt Film herunter. Denn oft werden erst unter den Händen der gebürtigen Französin aus der Fülle der Aufnahmen und Bilderschnipsel Geschichte und Inszenierung sichtbar. Heute gilt Rommel als die beste Cutterin Deutschlands. Sie schnitt alle Filme von Caroline Link, so auch den Oscargewinner von 2003, "Nirgendwo in Afrika", aber auch "Das Leben ist eine Baustelle" von Wolfgang Becker. Der letzte von ihr fertig gestellte Film läuft im Wettbewerb der kommende Woche beginnenden Berlinale: "Die Nacht singt ihre Lieder" von Romuald Karmakar, ein Zwei-Personen-Melodram: "Ich schätze an Karmakar seine Konsequenz."</P><P>16 Stunden Material für einen Film</P><P>Gerade arbeitet sie wieder über Monate in den Bavaria-Studios von Geiselgasteig - diesmal am Erstling eines Nachwuchsregisseurs. "Es gibt sehr unterschiedliche Filmemacher." Rommel schätzt Regisseure, "die sehr diszipliniert sind, die wissen, was sie wollen, und die trotzdem Argumenten zugänglich sind." Es gebe aber Leute, erzählt Rommel, "die erlauben sich zuviel: Sie kommen zu spät, sind faul, unpünktlich und überhaupt undiszipliniert." </P><P>Rommel begann als junges Mädchen in München als Synchronsprecherin. "Da hab' ich erstmals in meinem Leben einen Schneidetisch gesehen, und bin nicht mehr aufgestanden. Das hat mich fasziniert." Nach einiger Zeit als Assistentin bekam sie bald kleinere Aufträge: "Ohne Ausbildung, es war ,learning by doing." Heute gibt es eine solche Ausbildung - Rommel hält beispielsweise regelmäßig Seminare an der Kölner Filmschule -, aber die macht auch manches komplizierter. "Viele werden Cutter durch Zufall, nach einer allgemeineren Ausbildung an der Filmhochschule, oder weil sie mit einer Assistenz beginnen." </P><P>Die Arbeit eines Cutters beginnt manchmal schon vor dem Dreh. In Vorbesprechungen mit Regisseur und Kameramann wird der Stil besprochen. "Ich mag das eigentlich nicht. Es tut dem Schnitt in der Regel gut, wenn man Distanz zum Arbeitsprozess hat." Bei der Arbeit für Caroline Links "Nirgendwo in Afrika" war sie für vier Wochen am Set in Kenia: "Das war nötig, um zu wissen, ob das funktioniert, was Caroline Link vorschwebte. Darum habe ich bereits am Abend nach dem Dreh mit dem ersten Probeschnitt begonnen." Lieber ist es ihr, wenn sie erst mit dem fertigen Material konfrontiert wird. Selbst wenn das unzählige Stunden Film sind, die sie sichten muss. Parallel studiert sie das Drehbuch, das den Handlungsablauf vorgibt. Trotzdem muss oft noch vieles geändert werden, wenn das Material bestimmte Chancen eröffnet, oder bestimmte Absichten zunichte macht. "Gut gesichtet ist halb geschnitten," sagt Rommel. In der Regel ensteht ein zweistündiger Kinofilm aus mindestens 16 Stunden Drehmaterial. </P><P>Mit Hilfe der modernen Computertechnik lassen sich inzwischen unzählige Schnittvarianten erstellen und am Bildschirm miteinander vergleichen, was die Arbeit erleichtert und den Zeitaufwand reduziert. Der Computer hat auch den Vorteil, dass man die verschiedenen Tonspuren besser einbauen kann. Geräusche und Dialoge werden am Drehort auf verschiedenen Tonspuren aufgezeichnet. Hinzu kommen Tonspuren für Musik und nachträgliche Geräusche, die ebenfalls wie die Bilder geschnitten und mit ihnen synchronisiert werden müssen. Während in alten Filmen die Ton-Schnitte meist als leichtes Knacksen oder als Wechsel der Atmosphäre hörbar waren, ist dies bei modernen digitalen Verfahren nicht mehr der Fall. </P><P>Das Tempo kommt beim Schneiden</P><P>Es gibt viele Arten, mit Tempowechseln umzugehen, dem Film einen Rhythmus geben. Vor allem, wenn das Material Schwächen hat: "Bei einem Film habe ich einmal 16 stark verschiedene Fassungen erstellt." Durch den Schnitt wird die Zeitstruktur eines Films bestimmt, das Gefühl, das sich unbewusst auf den Zuschauer überträgt. </P><P>Wenige bekommen einen derart guten Einblick in den Alltag des Filmemachens, wie ein Cutter bei den Sichtungen und beim Vergleich: "Ich sehe ja auch die Sekunden vor und nach der Aufnahme. Da merkt man erst, wie gut ein Schauspieler ist, ob er wirklich konzentriert ist." Auf die Schauspieler achtet Rommel zuerst: "Ihnen muss ich glauben. Sie sind die Geschichte." </P><P>Nach der Sichtung wird der Film Szene für Szene nach dem Drehbuch zusammengesetzt. Man wählt die besten Aufnahmen aus, und entscheidet hier auch schon über den grundsätzlichen Charakter des Films: Ob eine Szene zum Beispiel in nur einer Kameraeinstellung erzählt, durch wenige Schnitte durchstrukturiert oder mit Schnitt und Gegenschnitt - im Hin und Her zweier Einstellungen - erzählt wird, kann alles verändern. Hinzu kommt die Wahl der Musik.</P><P>Gar nicht so selten trifft Rommel solche gravierenden Entscheidungen allein: Manche Regisseure überlassen dem Cutter den Schnitt, kommen erst in einer späten Phase hinzu. "Andererseits sehe ich manchmal Dinge in dem Material, die ich mir ganz schön vorstelle - und wenn der Regisseur dann etwas ganz anderes will, ist es enttäuschend."</P><P>In Hollywood ist dieser "final cut", die Entscheidung über den Endschnitt eines Films, hochumkämpfter Gegenstand von Verträgen. Nur wenige mächtige Regisseure haben dort das Recht, allein über die Endfassung eines Films zu entscheiden. In Deutschland sind die Bräuche nicht so streng, aber genaugenommen arbeitet ein Cutter immer im Auftrag des Produzenten - "der bezahlt schließlich auch das Honorar."</P><P>Berufsbild Filmeditor</P><P>Seit zwei Jahren heißen Cutter offiziell "Editoren". Eine staatlich anerkannte Berufsausbildung führt zum "Filmeditor". Infos: Ausbildung in Medienberufen, Werderstr. 1, 50672 Köln, Tel.: 0221 / 65 008 50, E-Mail: aiminfo<BR>aim-mia.de; Web: www.aim-mia.de.<BR>Bundesagentur für Arbeit: www.bundesagentur.de</P><P>Schnittausbildung an Filmhochschulen</P><P>Internationale Film-Schule Köln, "Glückauf-Haus", Werderstraße 1, 50672 Köln, Tel.: 0221/92 01 88 85; www. filmschule.de.<BR>Hochschule Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg, Marlene-Dietrich-Allee 11, 14482 Potsdam-Babelsberg, T.: 0331/ 62 020, www.hff-potsdam.de</P>

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