Schöne Einfachheit

- Ein einfache Geschichte. Ein Mann und eine Frau in einem brandenburgischen Dorf. Vater, Mutter, Kind, Familienglück, fast ein Krippenspiel. Unschuld zwischen Einbauküche und freiwilliger Feuerwehr. Dann gibt es noch eine Frau. Ein Blick zuviel, Ehebruch, Schuldgefühle. Er kann sich nicht entscheiden, alles kommt raus, und er will sich erschießen - so einfach ist das.

So einfach? Die Einfachheit, die vermeintliche vor allem, ist in Valeska Grisebachs zweitem Film (sie debütierte mit "Mein Stern") auch ein Versteck. Es gibt gleich mehrere Fallen, in die hineinzutappen einen "Sehnsucht" verleitet. Die größte ist die Falle der Banalität und des Realismus. Grisebach hat mit Laien gearbeitet, und ihre Figuren sind nicht schön und schon gar nicht glamourös. Zudem reden sie daher, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist - nicht so, wie akademisch geschulte Drehbuchautoren gern schreiben -, wenn sie überhaupt reden, denn meist sind sie maulfaul und spröde.

Werk der "Berliner Schule"

Die mitschwingenden Behauptungen, dass darum aber alles "ganz realistisch" sei und dass "einfache" Menschen "so sind", die großen Gefühle jedermann, nicht nur Schöne und Reiche, berühren können, sind die ersten Fallen, die der Film bereithält. Denn das ist eine Selbstverständlichkeit, die, zu Ende gedacht, nur darüber hinwegtäuscht, dass die Schlichtheit hier auf sehr genau kalkulierter Reduktion beruht.

Ruhig und episch ist auch der "Ton" der Kamera. Die 1968 geborene Regisseurin ist spätestens, nachdem "Sehnsucht" im Berlinale-Wettbewerb lief und zumindest bei der ausländischen Presse gefeiert wurde, einer der Stars der "Berliner Schule", jener Gruppe von Filmemachern, die in der Hauptstadt versuchen, ein Kino mit strengem Kunstanspruch jenseits der üblichen Konventionen zu machen und die sich nicht den Zwängen des Unterhaltungskinos oder des Fernsehens unterwerfen. Bei allen Unterschieden im Detail eint diese Regisseure eine Kamera, die nie forciert, die ganz genau beobachtet, die in einem Raum, auf einer Figur verharrt, und der Verzicht auf ein Erzählen über das Stilmittel des Filmschnitts.

Daran, dass die Bilder hier einen anderen Platz einnehmen, muss man sich erst wieder gewöhnen. Doch wenn man ein wenig hineingekommen ist, kann man ein ganz anderes Hinschauen lernen. Dass der Film "Sehnsucht" heißt, erklärt sich nur zum Teil durch das ungestillte Verlangen der Figuren nach irgendetwas, von dem sie - wie wir alle - wohl selbst nicht ganz genau wissen, was es ist. Valeska Grisebachs "Sehnsucht" handelt auch von der Sehnsucht nach einem Kino, das uns etwas entdeckt und zeigt jenseits dessen, was man schon tausendfach gesehen hat.

Ab morgen in München: Isabella, Atelier.

"Sehnsucht"

mit Ilka Welz, Andreas Müller

Regie: Valeska Grisebach

Hervorragend

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