Wo schöne Frauen leiden

Venedig - "Was können wir tun, um die Welt zu retten?" Natürlich ist diese Frage unzeitgemäß in einer Epoche, die Kultur mit Entertainment gleichsetzt und sich schon gestört fühlt, wenn ein Film den Zuschauer nicht mit tröstendem Happy End verabschiedet.

Dabei sollte es doch um genau das gehen in der Kunst: die Rettung der Welt. Wenigstens bei einem Kunstfestival wie dem von Venedig. Dort lief "Do Visivel ao Invisivel" des Portugiesen Manoel de Oliveira, der dieses Jahr 100 wird und damit der älteste Regisseur der Welt ist.

Der Satz ist der letzte des Kurzfilms, aber auch ein wunderbares heimliches Motto für eine "Mostra", die ihren Weg an den ersten Tagen noch nicht gefunden hat, die neben mancher Enttäuschung manch Ansprechendes bot - aber noch keinen Film, der alle fesselte, Debatten auslöste, unvergesslich war. Venedig 2008, das ist bisher ein etwas müdes Dahinplätschern.

Um die Welt zu retten, müssen offenbar die Frauen leiden. Selten sah man in so kurzer Zeit so viele in unterschiedlicher Weise verwundete Frauen: verbrannt, vergewaltigt, verlassen, gekauft, gefoltert, betrogen. Schon mit der von Nina Hoss gespielten Ehefrau in Christian Petzolds "Jerichow" ging es los, es folgten die beiden Hauptfiguren in "The Burning Plain" vom Mexikaner Guillermo Arriaga. Den kannte man bisher vor allem als Drehbuchautor der komplex aufgebauten Ensemble-Filme ("Amores Perros", "21 Gramms", "Babel"). Auch sein Regiedebüt ist ein aus vier Erzählsträngen geknüpftes Melodram, in dessen Zentrum eine traumatisierte Frau steht, die von Schuldgefühlen gegenüber ihrer toten Mutter und ihrer von ihr verlassenen Tochter geplagt wird. Eine Meditation über Gefühle, einerseits sehr spannend und bildkräftig inszeniert, andererseits rutscht alles dann doch immer stärker in ranziges Hollywood-Schmalz ab. Uneingeschränkt eindrucksvoll ist der Auftritt von Charlize Theron (die den Film auch produzierte).

In "Injou, la bête dans l'ombre" erzählt der Franzose Barbet Schroeder ein Fetischismusdrama in den etwas zu großen Fußstapfen von Hitchcock: Ein ziemlich arroganter Jungautor (Benoit Magimel) fährt nach Japan auf Lesereise. Dort will er auch einen von ihm bewunderten, geheimnisvollen Schriftsteller treffen, den seit Jahren niemand mehr persönlich gesehen hat. Bald hat sich der Autor verliebt - ausgerechnet in eine Geisha, die zum Objekt allerlei expliziter und brutaler Fesselspiele wird, zugleich wird er selbst von seinem Idol bedroht und findet sich immer mehr als Beute im Spinnennetz einer undurchsichtigen Verschwörung.

Über den französischen Beitrag "L'Autre" - eine Frau wird zunehmend irre, als ihr Ex eine Neue hat ­, sollte man ebenso gnädig schweigen wie über Ferzan Özpeteks italienisches Depressionsmelo "Un giorno perfetto", in dem eine Frau von ihrem Ex geschlagen und vergewaltigt, eine Tochter von ihrem Vater niedergeschossen wird. Der einzige Film der letzten Tage, bei dem keine Frau ernsthaft zu Schaden kam, stammt aus China, spielt allerdings in Brasilien: In "Plastic City" entfaltet Yu Lik-wai ein faszinierend-flirrendes Porträt der Metropole Sao Paulo und ihres Chinesenghettos. Die erste Stunde dieses Films war durch Bilderkraft und poetischen Stilmix das Beste, was es hier bisher zu sehen gab, und bot mit dem ergreifend melancholischen Anthony Wong einen Anwärter auf den Schauspielpreis. Doch in der zweiten Hälfte glitt dem Regisseur sein Film aus der Hand.

So wartet man am Lido weiter auf den ersten klaren Löwen-Favoriten.

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