Wegen 179 Euro: Polizist von „Reichsbürger“ schwer verletzt

Wegen 179 Euro: Polizist von „Reichsbürger“ schwer verletzt

Schräge Familien im Wettbewerb von Cannes

Cannes - Filmfestivals haben immer etwas von einem gigantischen Familientreffen, bei dem sich die Branche in schöner Regelmäßigkeit trifft und feiert. Auf Partys und Empfängen werden Beziehungen aufgefrischt, Fotos der Kinder machen die Runde.

Doch nur selten war das Thema Familie auch auf der Leinwand so dominant wie in der ersten Halbzeit des 61. Wettbewerbs von Cannes.

Da gibt es kaum Politik, nur schwache Provokation und keine Experimente. Doch wenn man seine Vorstellung vom Familienleben in den verschiedensten Ländern der Welt nur aus den Beiträgen im Rennen um die Goldene Palme beziehen würde, entstünde ein schräges Bild. Türkische Familien beispielsweise haben finstere Geheimnisse von Verbrechen und Verrat. Aber in "Die drei Affen" von Nuri Bilge Ceylan reden sie nicht drüber, sondern gucken bedeutungsschwer und schwitzen schweigend. Ceylan ist allerdings ein Meister des Ungesagten. Sein Film über einen Mann, der gegen Geld für seinen Chef ins Gefängnis geht und erfährt, dass seine Frau mit dem Chef dann ein Verhältnis beginnt, entwickelt durchaus Dramatik.

Geld regiert die Beziehungen auch in "Le silence de Lorna" (Lornas Schweigen) von Jean-Pierre und Luc Dardenne. Die Brüder aus Belgien, die in ihrer treuen Zusammenarbeit bereits zwei Goldene Palmen in Cannes gewonnen haben, folgen einer jungen Albanerin, die sich durch bezahlte Scheinehen in Belgien ihren Lebenstraum von einem kleinen Imbiss erfüllen will. Doch sie erträgt den bitteren Austausch von Geld gegen eine bürokratische Konstruktion von Liebe nicht. Der Film beginnt stark, verliert aber gegen Ende den Faden und hat nicht die von den Dardennes gewohnte Konsequenz und Intensität.

In dem italienischen Wettbewerbsbeitrag "Gomorra" von Matteo Garrone ersetzen Machtverhältnisse und Bandenzugehörigkeit familiäre Bindungen. In einem von der Camorra regierten Slum bei Neapel wechseln viele Banknoten in diskreten Umschlägen den Besitzer, Kinder werden unter dem Einfluss des kriminellen Clans zu Killern, die Väter sitzen entweder bei ihrem Boss im Hinterzimmer oder im Gefängnis. Das Gesetz der Camorra kennt nur Freund oder Feind, Treue oder blutige Rache. Der Film nach dem Bestseller von Roberto Saviano zeigt eine unbarmherzige, rücksichtslose Welt, in der das verbrecherische "System" auch das Private beherrscht.

Auch in Brasilien sind die Väter abwesend. Die Mutter gibt sich Mühe, aber schafft es angesichts ihrer Armut und ständigen Schwangerschaften nicht, den Söhnen zu einem positiven Einstieg ins Leben zu verhelfen. Der Regisseur Walter Salles zeigt in "Linha de passe" (Schusslinie) das trostlose Bild einer Familie, die durch täglichen Mangel an Geld und Aufmerksamkeit tragisch zerfällt.

Durch einen chaotischen Alltag gefährdet sind die Bindungen einer Großfamilie in dem philippinischen Wettbewerbsbeitrag "Service" (Dienst) von Brillante Mendoza. Die von einer Matriarchin geführte Gruppe mit Kindern lebt in einem verkommenen Sexkino in dem auch Stricher ein- und ausgehen. Jeder Einzelne wird von seinen Problemen und Pflichten vereinnahmt, alle zusammen sind eingehüllt in einen nervtötenden Geräuschpegel von Geschrei, Gestöhn und Straßenlärm, der wirkliche Kommunikation im Keim erstickt.

Nur in Frankreich sieht das Bild der Familie etwas rosiger aus: In "Un conte de noel" (Eine Weihnachtsgeschichte) von Arnaud Desplechin scheinen Eltern, Kinder und Geschwister miteinander darum zu wetteifern, wer wen am skrupellosesten verletzen kann. Aber immerhin reden und plaudern sie immerzu darüber. Das macht es im Prinzip nicht besser, ermöglicht dem Zuschauer aber Sympathie und Verständnis für einzelne Charaktere.

www.festival-cannes.fr

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der Tote auf dem Nil wartet schon
Die neue Adaption von Agatha Christies „Mord im Orient-Express“, der seit 9. November in den Kinos läuft, ist große Kinokunst. Nun ist klar: Auch der nächste Fall von …
Der Tote auf dem Nil wartet schon
Neuer Film: Spielt Elyas M’Barek den per Haftbefehl gesuchten Mehmet Göker?
Die Geschichte um den Kasseler Ex-Versicherungsvertreter Mehmet Göker soll neu fürs Kino verfilmt werden. Gute Chancen auf die Hauptrolle hat "Fack Ju Göhte"-Star Elyas …
Neuer Film: Spielt Elyas M’Barek den per Haftbefehl gesuchten Mehmet Göker?

Kommentare